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Praxisseminar:
Chemische Praktika auf dem Prüfstand
 
III. Praktikumsleitung: Was bedeutet das?
 
Datum des Seminars: 18.09.2000 bis 20.09.2000
Letzte Aktualisierung: 16.04.2002
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Wie man Praktikanten das Laborleben durch Betriebsanweisungen leichter machen kann.

Wenn Sie schon mal ein Praktikum geleitet oder betreut haben...

wird Ihnen das Folgende geläufig sein:

  • Sie haben eine komplexe Einführung vorbereitet.
  • Sie haben den Kursteilnehmern alle Geräte gezeigt oder sogar praktisch demonstriert.
  • Sie haben eine ausführliche Sicherheitsunterweisung gegeben und die Entsorgungsregelungen erläutert.
  • Sie haben die zu bewältigenden Aufgaben, Leistungskontrollen und die einzuhaltenden Fristen beschrieben.
  • Sie haben erklärt, wie die für die Versuche notwendigen Materialien beschafft werden können.
  • Sie haben in einem Vorpraktikum Versuchsapparaturen aufbauen lassen, Erste-Hilfe-Maßnahmen durchgespielt oder Fluorescein herstellen lassen, um zu demonstrieren, wie schnell Chemikalien im Labor unbemerkt verteilt werden.
  • Sie haben die Praktikanten durch das Gebäude geführt und gezeigt, wo sich Bibliothek, Glasbläser, Materialverwaltung usw. befinden.

Sie haben sich wirklich Mühe gegeben! Sie haben so lange auf die Leute eingeredet, dass Ihre Stimme jetzt ein wenig angegriffen und heiser ist.

Dann kommen die ersten Praktikumstage:

Die Studenten sind schon ganz hibbelig, weil sie jetzt endlich "loskochen" können und ja ein Berg von Aufgaben abzuleisten ist.

Und was stellen Sie fest?

Bei manchen, vielen, den meisten, oder etwa allen (???!!!) ist das, worauf Sie doch letzte Woche ausgiebigst hingewiesen hatten, vorbeigerauscht! Es beginnt Sie zu nerven, wenn Sie nun schon der fünfte Praktikant fragt, wo die Flasche mit dem Brom denn nun steht oder wenn Sie einen Praktikanten erwischen, der bei einer Brechungsindexbestimmung auf dem sündhaft teuren Prisma des Refraktometers mit einem scharfkantigen Glasstab herumkratzt, obwohl Sie das ausdrücklich untersagt hatten.

Sind die Praktikanten denn jetzt alle dümmer, als damals, als Sie mit Ihren Kommilitonen solche Praktika zu absolvieren hatten?

Hand auf’s Herz! Wie ist das bei Ihnen, wenn Sie einen wissenschaftlichen Vortrag hören: Sind Sie von Anfang bis Ende aufmerksam oder passiert es gelegentlich nicht doch, dass Ihre Gedanken abschweifen und Sie einen Moment unkonzentriert sind? Können Sie sich am Ende noch genau an das dritte Dia des Vortrags erinnern?

Studenten geht es ähnlich. Sie werden bei Ihrer Einführung versuchen, sich das wichtigste zu merken. Vielleicht ist das gar nicht das, was SIE für das wichtigste halten. Vieles von dem, was Sie erzählen, ist für die Studenten völlig abstrakt. Wenn Sie z.B. mit Engelszungen darauf hinweisen, dass man beim Arbeiten im Ölpumpenvakuum keine Luft durch die Kühlfalle saugen darf, weil dann Sauerstoff einkondensiert, können sich die Praktikanten kaum etwas dazu vorstellen, wenn sie vorher noch nie mit einer Ölpumpe zu tun hatten. Die interessiert in einer solchen Situation viel mehr, wo denn der Schalter ist, um die Pumpe anzuschalten! Fazit: Sie können versuchen, durch didaktisches Geschick, Einsatz verschiedener Medien und Experimente die Erfolgsquote Ihrer Einführung zu verbessern. Das "100%-Ergebnis" wird aber trotzdem in weiter Ferne bleiben.

Was tun?

Die Kunst besteht in der stetigen Wiederholung der Informationen - und zwar nicht genervt und gebetsmühlenartig, sondern möglichst phantasievoll, in kleinen Portionen und vor allem möglichst dann, wenn die Information gerade gebraucht wird. Eine gute Hilfe dazu sind Aushänge und Betriebsanweisungen. Der Hinweis, wie man das Prisma des Refraktometers schont, gehört an das Refraktometer, die Warnung vor dem einkondensierenden Sauerstoff auf das Dewar-Gefäß, welches für die Kühlfallen verwendet wird. Selbst so etwas banales wie ein Wasserbad verdient eine kleine Betriebsanweisung, die zum Austausch verschmutzten Wassers mahnt, verbunden mit der Aufforderung, hierzu nur demineralisiertes Wasser zu verwenden.

Die im Anhang gegebene Zusammenstellung enthält eine Reihe von solchen Betriebsanweisungen und Aushängen, die helfen sollen, dass die Praktikanten sich möglichst schnell souverän im Labor bewegen können.

Das experimentelle Resultat all dieser Aushänge und Anweisungen ist, dass alle diese Materialien ihren Nutzen haben!

Dies sind jedenfalls die Erfahrungen an der FU-Berlin. Wichtig ist dazu, neben der richtigen Informationsdosierung auch die richtige Sprache zu finden. Das Resultat mag regional unterschiedlich sein. Möglicherweise empfinden Sie deshalb manche Inhalte der im Anhang beispielhaft wiedergegebenen Anweisungen als überflüssig, zu ausufernd oder zu anbiedernd, zu flapsig, ja geradezu zu unwissenschaftlich! Sie sollen diese Anleitungen ja auch auf keinen Fall alle hernehmen und in Ihrem eigenen Praktikum aufhängen, sondern kritisch hinterfragen, ob das in Ihrem Bereich nützlich sein könnte! In jedem chemischen Fachbereich kann es ein anderer Zeitpunkt sein, an dem die Praktikanten zum ersten Mal sehen, wie Natrium mit Wasser reagiert. Stimmen Sie Ihre Anleitungen mit den Vorkenntnissen ab, die Sie bei Ihren Praktikanten voraussetzen können!

Schriftliche Anleitungen sind natürlich nur ein Mittel, den Lernerfolg bei den Studenten zu verbessern. Kein Aushang macht andere Unterweisungsformen, wie persönliche Gespräche, Seminare etc. überflüssig. Wesentlich ist jedoch, dass die Aushänge die Assistenten entlasten. Diese haben dadurch mehr Zeit, sich den wirklich anspruchsvollen Problemen zuzuwenden. Verbunden mit einer guten Materialausstattung (z.B. ein eigener Magnetrührer pro Arbeitsplatz) und guter Pflege der vorhandenen Ressourcen sind folgende Erfolge absehbar:

Weitgehender Stressabbau im Praktikumsbetrieb.
Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf Motivation und auf die Arbeitssicherheit.
Bessere Lernerfolge in den Praktika.
Die Studenten können in der gleichen Zeit mehr bzw. anspruchsvollere Versuche bewältigen.


Liste der beigefügten Anleitungen

Liste "Was gibt es wo im Grundpraktikum"
ein wichtiger Aushang, der gerade in den ersten Praktikumstagen Studenten wie Assistenten den Stress nimmt.
Ausstehende anorganische Reagenzien
Die aufgelisteten Chemikalien sollen von den Praktikanten ständig im Labor vorrätig gehalten werden. Dies ist nur einer von mehreren Aushängen. Den Studenten muss für jede benötigte Chemikalie klar sein, wo sie ihren regulären Standort hat, bzw. wie sie gfls. neu zu beschaffen ist.
Betriebsanweisung für den Trockenschrank
Wird direkt an der Trockenschranktür befestigt.
Betriebsanweisung für Laborsicherheitsschrank
Wird direkt am Schrank in Augenhöhe befestigt.
Beschriftung für den Hausmüllbehälter
Wird direkt am Schrankfach befestigt, in dem der Behälter steht.
Beschriftung für Sammelgefäß "Chemikalienbehaftete Betriebsmittel"
Wird direkt am Sammelgefäß befestigt. Als Sammelgefäße werde selbstlöschende Papierkörbe aus Metall mit eingelegten Polyethylenbeutel verwendet.
Betriebsanweisung für den Kühlschrank
Wird an der Kühlschranktür befestigt.
Betriebsanweisung für Laborabzug
Wird so an einem der Frontschieber befestigt, dass die Sicht nicht behindert wird.
Betriebsanweisung für Rotationsverdampfer
Wird neben dem Rotationsverdampfer befestigt.
Betriebsanweisung für Kombiklammer für Rotationsverdampfer
Wird neben dem Rotationsverdampfer befestigt.
Betriebsanweisung für zwei verschiedene Waagen (1, 2)
Wird neben den Waagen befestigt. Beachten Sie, wie verschieden die Anweisungen für die beiden Waagentypen sind!
Hinweis zum Standort für Wägepapier
Betriebsanweisung für Schmelzpunktsbestimmungsapparat
Wird neben dem Schmelzpunktsapparat befestigt.
Hinweis für falsch eingeführte Schmelzpunktskapillaren
Wird neben dem Schmelzpunktsapparat befestigt
Hilfe, es stinkt im Labor
Gerüche im Labor haben manchmal ganz einfache Ursachen, die nicht unbedingt im ungenügenden Geschick der Praktikanten liegen müssen. Beispiel: Ein trocken gewordener Bodeneinlauf. Leitfaden zur Selbsthilfe für jedes Praktikantenlabor.
Hinweis zum Auftragen der Substanz auf das Refraktometer
Betriebsanweisung für Wasserbad
Wird direkt am Wasserbad befestigt.
Wussten Sie schon ...
Eine Reihe von kleinen Hinweisen, die man überall im Praktikum verstreut, manche aber zweckmäßigerweise auch direkt an bestimmten Orten anbringen kann. Manche Hinweise sind sehr speziell und machen deshalb wahrscheinlich für andere Praktika wenig Sinn. Es soll ja auch nur anregen, selbst eigene Hinweise zu verfassen.
Einsatzbereich für Atemschutzmaskenfilter
Aushang am Standort der Atemschutzmaske. Gerade in der Panik eines Notfalls ist es wichtig, schnell den richtigen Filter zu finden. Leider helfen da die Beschriftungen auf den Filtern zumeist nur den Eingeweihten, für alle anderen bleiben sie völlig unverständlich!
Vermeidung von Laborgerüchen
Für den Flur o.ä. geeigneter Aushang. Mag sein, dass das nicht viel bringt, aber vielleicht passiert das Malheur ja dadurch doch ein Mal weniger pro Semester ..
Von der Kunst, im Vakuum zu destillieren
Allgemeiner Aushang im Praktikumsflur. Artverwandte Anweisungen befinden sich direkt an den Pumpständen. Lesen Sie selbst, was Grundpraktikanten alles nicht wissen!
Das Abfüllen von Flüssigkeiten
Auch etwas gebetsmühlenartig, mit vielleicht geringerem Erfolg, der aber vielleicht doch nicht gleich "Null" ist.
Vom Gebrauch des Hand Books
Schwächen der Praktikanten im Umgang mit diesem wichtigen Nachschlagewerk sollen mit diesem Aushang ausgebügelt werden.
Wie werde ich ein Freund der Materialverwaltung?
Launischer Aushang, der die Regularien mit der Materialverwaltung beschreibt.
Soforthilfe
Aushang mit Sofortmassnahmen bei Unfällen. Auch als englische Version. Wird auf signalrotes Papier gedruckt.
Alarmplan
für den Praktikumsbereich. Es gehört noch ein nicht mit beigefügter Plan des Gebäudes mit dazu, der Standorte von Feuerbekämpfungsmitteln, Fluchtwege, etc. ausweist. Alarmpläne für Forschungsgruppen oder für Bibliotheksbesucher müssen anders aufgebaut sein.
Wichtige Voraussetzungen zur Erlangung des Übungsscheins
Es geht vor allem darum, dass jeder Praktikant zum Abschluss eine Reinigungsaufgabe zugewiesen bekommt. Die Aufgaben werden unter Ziffer drei an die Praktikanten jeweils eines Labors verteilt. Mit Ziffern indexierte Aufgaben sind laborspezifisch, die mit Buchstaben indizierten Aufgaben betreffen allgemeine Praktikumseinrichtungen. Es muss also für jedes Praktikumslabor ein eigenes Aufgabenblatt erstellt werden.
Fragen an Frau Irene
Der Tonfall dieses Aushangs mag auf manchen befremdlich wirken. Wenn aber dieser Aushang am Ende des Semesters angebracht ist, um die Regularien des Praktikumsendes zu beschreiben, dauert es keine 10 Minuten, bis eine kichernde Studententraube um ihn herumsteht. Erfolg: Sie lesen das alle von A bis Z. (Na ja, und vielleicht behalten sie dann davon ja auch irgendetwas ...)