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Wie man Praktikanten das Laborleben durch
Betriebsanweisungen leichter machen kann.
Wenn Sie schon mal ein Praktikum geleitet oder betreut haben...
wird Ihnen das Folgende geläufig sein:
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Sie haben eine komplexe Einführung vorbereitet.
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Sie haben den Kursteilnehmern alle Geräte gezeigt oder sogar praktisch
demonstriert.
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Sie haben eine ausführliche Sicherheitsunterweisung gegeben und die
Entsorgungsregelungen erläutert.
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Sie haben die zu bewältigenden Aufgaben, Leistungskontrollen und die
einzuhaltenden Fristen beschrieben.
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Sie haben erklärt, wie die für die Versuche notwendigen Materialien
beschafft werden können.
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Sie haben in einem Vorpraktikum Versuchsapparaturen aufbauen lassen,
Erste-Hilfe-Maßnahmen durchgespielt oder Fluorescein herstellen lassen,
um zu demonstrieren, wie schnell Chemikalien im Labor unbemerkt verteilt
werden.
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Sie haben die Praktikanten durch das Gebäude geführt und gezeigt,
wo sich Bibliothek, Glasbläser, Materialverwaltung usw. befinden.
Sie haben sich wirklich Mühe gegeben!
Sie haben so lange auf die Leute eingeredet, dass Ihre Stimme jetzt ein wenig
angegriffen und heiser ist.
Dann kommen die ersten Praktikumstage:
Die Studenten sind schon ganz hibbelig, weil sie jetzt endlich "loskochen"
können und ja ein Berg von Aufgaben abzuleisten ist.
Und was stellen Sie fest?
Bei manchen, vielen, den meisten, oder etwa allen (???!!!) ist das, worauf
Sie doch letzte Woche ausgiebigst hingewiesen hatten, vorbeigerauscht! Es
beginnt Sie zu nerven, wenn Sie nun schon der fünfte Praktikant fragt,
wo die Flasche mit dem Brom denn nun steht oder wenn Sie einen Praktikanten
erwischen, der bei einer Brechungsindexbestimmung auf dem sündhaft teuren
Prisma des Refraktometers mit einem scharfkantigen Glasstab herumkratzt,
obwohl Sie das ausdrücklich untersagt hatten.
Sind die Praktikanten denn jetzt alle dümmer, als damals, als Sie
mit Ihren Kommilitonen solche Praktika zu absolvieren hatten?
Hand aufs Herz! Wie ist das bei Ihnen, wenn Sie einen wissenschaftlichen
Vortrag hören: Sind Sie von Anfang bis Ende aufmerksam oder passiert
es gelegentlich nicht doch, dass Ihre Gedanken abschweifen und Sie einen
Moment unkonzentriert sind? Können Sie sich am Ende noch genau an das
dritte Dia des Vortrags erinnern?
Studenten geht es ähnlich. Sie werden bei Ihrer Einführung versuchen,
sich das wichtigste zu merken. Vielleicht ist das gar nicht das, was
SIE für das wichtigste halten. Vieles
von dem, was Sie erzählen, ist für die Studenten völlig abstrakt.
Wenn Sie z.B. mit Engelszungen darauf hinweisen, dass man beim Arbeiten im
Ölpumpenvakuum keine Luft durch die Kühlfalle saugen darf, weil
dann Sauerstoff einkondensiert, können sich die Praktikanten kaum etwas
dazu vorstellen, wenn sie vorher noch nie mit einer Ölpumpe zu tun hatten.
Die interessiert in einer solchen Situation viel mehr, wo denn der Schalter
ist, um die Pumpe anzuschalten! Fazit: Sie können versuchen, durch
didaktisches Geschick, Einsatz verschiedener Medien und Experimente die
Erfolgsquote Ihrer Einführung zu verbessern. Das "100%-Ergebnis" wird
aber trotzdem in weiter Ferne bleiben.
Was tun?
Die Kunst besteht in der stetigen Wiederholung der Informationen - und zwar
nicht genervt und gebetsmühlenartig, sondern möglichst phantasievoll,
in kleinen Portionen und vor allem möglichst dann, wenn die Information
gerade gebraucht wird. Eine gute Hilfe dazu sind Aushänge und
Betriebsanweisungen. Der Hinweis, wie man das Prisma des Refraktometers schont,
gehört an das Refraktometer, die Warnung vor dem einkondensierenden
Sauerstoff auf das Dewar-Gefäß, welches für die Kühlfallen
verwendet wird. Selbst so etwas banales wie ein Wasserbad verdient eine kleine
Betriebsanweisung, die zum Austausch verschmutzten Wassers mahnt, verbunden
mit der Aufforderung, hierzu nur demineralisiertes Wasser zu verwenden.
Die im Anhang gegebene Zusammenstellung enthält eine Reihe von solchen
Betriebsanweisungen und Aushängen, die helfen sollen, dass die Praktikanten
sich möglichst schnell souverän im Labor bewegen können.
Das experimentelle Resultat all dieser Aushänge und Anweisungen ist,
dass alle diese Materialien ihren Nutzen haben!
Dies sind jedenfalls die Erfahrungen an der FU-Berlin. Wichtig ist dazu,
neben der richtigen Informationsdosierung auch die richtige Sprache zu finden.
Das Resultat mag regional unterschiedlich sein. Möglicherweise empfinden
Sie deshalb manche Inhalte der im Anhang beispielhaft wiedergegebenen Anweisungen
als überflüssig, zu ausufernd oder zu anbiedernd, zu flapsig, ja
geradezu zu unwissenschaftlich! Sie sollen
diese Anleitungen ja auch auf keinen Fall alle hernehmen und in Ihrem eigenen
Praktikum aufhängen, sondern kritisch hinterfragen, ob das in Ihrem
Bereich nützlich sein könnte! In jedem chemischen Fachbereich kann
es ein anderer Zeitpunkt sein, an dem die Praktikanten zum ersten Mal sehen,
wie Natrium mit Wasser reagiert. Stimmen Sie Ihre Anleitungen mit den
Vorkenntnissen ab, die Sie bei Ihren Praktikanten voraussetzen können!
Schriftliche Anleitungen sind natürlich nur
ein Mittel, den Lernerfolg bei den Studenten
zu verbessern. Kein Aushang macht andere Unterweisungsformen, wie
persönliche Gespräche, Seminare etc. überflüssig. Wesentlich
ist jedoch, dass die Aushänge die Assistenten
entlasten. Diese haben dadurch mehr Zeit,
sich den wirklich anspruchsvollen Problemen
zuzuwenden. Verbunden mit einer guten Materialausstattung (z.B. ein eigener
Magnetrührer pro Arbeitsplatz) und guter Pflege der vorhandenen Ressourcen
sind folgende Erfolge absehbar:
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Weitgehender Stressabbau im Praktikumsbetrieb.
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Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf Motivation und auf die Arbeitssicherheit.
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Bessere Lernerfolge in den Praktika.
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Die Studenten können in der gleichen Zeit mehr bzw. anspruchsvollere
Versuche bewältigen.
Liste der beigefügten Anleitungen
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Liste "Was gibt es wo im Grundpraktikum"
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ein wichtiger Aushang, der gerade in den ersten Praktikumstagen Studenten
wie Assistenten den Stress nimmt.
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Ausstehende anorganische Reagenzien
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Die aufgelisteten Chemikalien sollen von den Praktikanten ständig im
Labor vorrätig gehalten werden. Dies ist nur einer von mehreren
Aushängen. Den Studenten muss für jede benötigte Chemikalie
klar sein, wo sie ihren regulären Standort hat, bzw. wie sie gfls. neu
zu beschaffen ist.
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Betriebsanweisung für den Trockenschrank
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Wird direkt an der Trockenschranktür befestigt.
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Betriebsanweisung für Laborsicherheitsschrank
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Wird direkt am Schrank in Augenhöhe befestigt.
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Beschriftung für den Hausmüllbehälter
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Wird direkt am Schrankfach befestigt, in dem der Behälter steht.
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Beschriftung für Sammelgefäß
"Chemikalienbehaftete Betriebsmittel"
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Wird direkt am Sammelgefäß befestigt. Als Sammelgefäße
werde selbstlöschende Papierkörbe aus Metall mit eingelegten
Polyethylenbeutel verwendet.
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Betriebsanweisung für den Kühlschrank
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Wird an der Kühlschranktür befestigt.
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Betriebsanweisung für Laborabzug
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Wird so an einem der Frontschieber befestigt, dass die Sicht nicht behindert
wird.
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Betriebsanweisung für Rotationsverdampfer
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Wird neben dem Rotationsverdampfer befestigt.
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Betriebsanweisung für Kombiklammer für
Rotationsverdampfer
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Wird neben dem Rotationsverdampfer befestigt.
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Betriebsanweisung für zwei verschiedene Waagen
(1, 2)
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Wird neben den Waagen befestigt. Beachten Sie, wie verschieden die Anweisungen
für die beiden Waagentypen sind!
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Hinweis zum Standort für Wägepapier
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Betriebsanweisung für
Schmelzpunktsbestimmungsapparat
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Wird neben dem Schmelzpunktsapparat befestigt.
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Hinweis für falsch eingeführte
Schmelzpunktskapillaren
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Wird neben dem Schmelzpunktsapparat befestigt
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Hilfe, es stinkt im Labor
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Gerüche im Labor haben manchmal ganz einfache Ursachen, die nicht unbedingt im
ungenügenden Geschick der Praktikanten liegen müssen. Beispiel: Ein trocken
gewordener Bodeneinlauf. Leitfaden zur Selbsthilfe für jedes Praktikantenlabor.
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Hinweis zum Auftragen der Substanz auf das Refraktometer
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Betriebsanweisung für Wasserbad
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Wird direkt am Wasserbad befestigt.
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Wussten Sie schon ...
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Eine Reihe von kleinen Hinweisen, die man überall im Praktikum verstreut,
manche aber zweckmäßigerweise auch direkt an bestimmten Orten
anbringen kann. Manche Hinweise sind sehr speziell und machen deshalb wahrscheinlich
für andere Praktika wenig Sinn. Es soll ja auch nur anregen, selbst eigene
Hinweise zu verfassen.
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Einsatzbereich für Atemschutzmaskenfilter
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Aushang am Standort der Atemschutzmaske. Gerade in der Panik eines Notfalls ist
es wichtig, schnell den richtigen Filter zu finden. Leider helfen da die
Beschriftungen auf den Filtern zumeist nur den Eingeweihten, für alle
anderen bleiben sie völlig unverständlich!
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Vermeidung von Laborgerüchen
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Für den Flur o.ä. geeigneter Aushang. Mag sein, dass das nicht
viel bringt, aber vielleicht passiert das Malheur ja dadurch doch ein Mal
weniger pro Semester ..
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Von der Kunst, im Vakuum zu destillieren
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Allgemeiner Aushang im Praktikumsflur. Artverwandte Anweisungen befinden
sich direkt an den Pumpständen. Lesen Sie selbst, was Grundpraktikanten
alles nicht wissen!
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Das Abfüllen von Flüssigkeiten
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Auch etwas gebetsmühlenartig, mit vielleicht geringerem Erfolg, der
aber vielleicht doch nicht gleich "Null" ist.
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Vom Gebrauch des Hand Books
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Schwächen der Praktikanten im Umgang mit diesem wichtigen Nachschlagewerk
sollen mit diesem Aushang ausgebügelt werden.
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Wie werde ich ein Freund der Materialverwaltung?
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Launischer Aushang, der die Regularien mit der Materialverwaltung beschreibt.
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Soforthilfe
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Aushang mit Sofortmassnahmen bei Unfällen. Auch als
englische Version. Wird auf signalrotes Papier gedruckt.
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Alarmplan
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für den Praktikumsbereich. Es gehört noch ein nicht mit
beigefügter Plan des Gebäudes mit dazu, der Standorte von
Feuerbekämpfungsmitteln, Fluchtwege, etc. ausweist. Alarmpläne
für Forschungsgruppen oder für Bibliotheksbesucher müssen
anders aufgebaut sein.
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Wichtige Voraussetzungen zur Erlangung des Übungsscheins
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Es geht vor allem darum, dass jeder Praktikant zum Abschluss eine
Reinigungsaufgabe zugewiesen bekommt. Die Aufgaben werden unter Ziffer drei
an die Praktikanten jeweils eines Labors verteilt. Mit Ziffern indexierte Aufgaben
sind laborspezifisch, die mit Buchstaben indizierten Aufgaben betreffen allgemeine
Praktikumseinrichtungen. Es muss also für jedes Praktikumslabor ein eigenes
Aufgabenblatt erstellt werden.
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Fragen an Frau Irene
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Der Tonfall dieses Aushangs mag auf manchen befremdlich wirken. Wenn aber
dieser Aushang am Ende des Semesters angebracht ist, um die Regularien des
Praktikumsendes zu beschreiben, dauert es keine 10 Minuten, bis eine kichernde
Studententraube um ihn herumsteht. Erfolg: Sie lesen
das alle von A bis Z. (Na ja, und vielleicht behalten sie dann
davon ja auch irgendetwas ...)
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