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Dr. Thomas Lehmann | |
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Datum des Seminars: 18.09.2000 bis 20.09.2000 Letzte Aktualisierung: 25.09.2000 |
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Betriebsanweisungen und Unterweisungen Anleitungshilfen für studentische Arbeit im Labor Betriebsanweisungen und Unterweisungen sind an den Universitäten - leider - zu einem erheblichen Teil als Formalismen etabliert. Hier wirkt die ehemalige TRGS 451 nach, die für deren Erstellung "nachprüfbar protokollmäßige" Beweise angemahnt hatte. Inzwischen ist die TRGS 451 durch die GUV 19.17 ("Regeln für Sicherheit und Gesundheitsschutz beim Umgang mit Gefahrstoffen im Hochschulbereich") ersetzt, die den Lehrenden an den Hochschulen vernünftigerweise wieder mehr Spielraum zur Ausgestaltung von Unterweisungen lässt und für das praktikumstypische Labor insbesondere endlich konsequent systematisierende Anweisungen empfielt anstatt für jede noch so banale Chemikalie Einzelanweisungen erstellen zu lassen. Dennoch werden an den Universitäten die eingespielten Formalismen kaum hinterfragt und weiterhin ganze Studentengenerationen z.B. mit dem Abschreiben von R-/S-Sätzen gequält, um etwas zu erhalten, was man "Betriebsanweisung" nennt. Vielleicht 90 % der bei Gefahrstoffen zu treffenden Schutzmaßnahmen betreffen Standardanweisungen, wie etwa Hautschutz (Handschuhe), Augenschutz (Schutzbrille), Atemschutz (z.B. Arbeiten im Abzug), Entsorgung (inkl. der Notfallbeseitigung, z.B. nach Verschütten) und Aufbewahrung (z.B. bei leicht entzündlichen Substanzen). Hinzu kommen noch Hinweise für den Notfall (z.B. Arzt, Notrufnummer, Erste Hilfe). Wer all das in eine brauchbare Betriebsanweisung packt und dies eine "Labor-" oder "Praktikumsordnung" nennt, kann danach die Beschäftigten mit etwa 90 % der verwendeten Gefahrstoffe ohne weitere Anweisungen arbeiten lassen. So bleibt Luft, um sich spezifischen Problemen widmen zu können. Spezielle Betriebsanweisungen können z.B. den Studenten erläutern, wie man Phosphorpentoxid aus einem Exsikkator bekommt, ohne dass dieser durch die Reaktionswärme zerplatzt und aufsteigender Rauch zu krampfartigen Hustenanfällen führt. Es gibt unzählige Tips und Tricks, die erfahrene Laborinsassen, den Beginnern voraus haben und die das Arbeiten sicherer und effizienter machen. Alles, was nötig ist, ist, dass die Erfahrenen Ihr Wissen an die weniger Erfahrenen weitergeben. Tips und Tricks zum Umgang mit Gefahrstoffen sind viel zu vielfältig, um auch nur annähernd Eingang in offizielle Regelwerke zu finden. Deshalb kann niemand eine brauchbare Betriebsanweisung erstellen, der statt des Arbeitsvorganges nur die betreffende Aktenlage kennt. Das mindeste, was zu tun ist, ist die Beschäftigten bei Ihrer Tätigkeit zu beobachten und dabei festzustellen, was falsch gemacht wird. Die meisten Lehrenden an der Universität lassen sich doch gerne von Studenten in Diskussionen über das Fachgebiet verwickeln. Warum gibt es das gleiche Sendungsbewusstsein denn nicht für die Frage, wie man mit irgendeinem Teufelszeug so umgeht, dass nichts passieren kann? Sicherheit kann nur in rudimentären Ansätzen per Dekret verordnet werden. Der Hauptanteil liegt bei der Motivation der Verantwortlichen. Die lange überfällige Aufwertung von Lehrleistungen ist das, was an den Universitäten vor allem in den Prakika, aber auch anderswo, dem Problem am schnellsten abhelfen würde. Verdächtig sind z.B. Praktika, wenn die Betreuer der Ansicht sind, die Studenten "könnten sowieso alle nichts". Meistens liegt der Grund für die mangelnde Praktikantenleistung nämlich darin, dass diese mit unzureichender Ausstattung sich selbst überlassen bleiben und deshalb einen hohen Anteil der Praktikumszeit allein damit vergeuden müssen, wenigstens das Allernotwendigste an Geräten und Materialien herbeizuschaffen. Wer es als Praktikumsleiter z.B. dabei belässt, dass im Praktikum Korkringe fehlen, muss sich nicht wundern, wenn es wegen abenteuerlicher Hilfskonstruktionen zum Abstellen der Rundkolben zu Unfällen kommt. In solchen Praktika lernen die Studenten, sich "durchzuwurschteln" aber niemals, wissenschaftlich seriös zu arbeiten! Ein gut betreutes Praktikum ermöglicht dem gegenüber den Studenten ein effektives Arbeiten. Das Gefühl der eigenen Arbeitsfähigkeit hat unmittelbar eine positive Rückwirkung auf die allgemeine Arbeitssicherheit. Auch Hinweise, die nicht direkt die Arbeitssicherheit betreffen, sondern z.B. einfach nur das Versuchsergebnis verbessern (z.B. die Ausbeute des Produkts erhöhen) schaffen deshalb die Motivation, dies auch in sicherer Art und Weise zu tun. Die gegebenen Sicherheitshinweise werden dann nämlich als weitere Hilfe und nicht als zusätzlicher, "zwischen die Beine geworfener Knüppel" begriffen. Zur Experimentierkunst gehört beides: Nämlich Versuchstechniken sowohl mit effektivem Resultat als auch risikofrei zu beherrschen. Warum sträuben sich manche dann, dies als Einheit zu lehren, obwohl dies so eng miteinander verzahnt ist? "Man kann den Studenten doch nicht alles vorkauen! Die sollen doch lernen, selbständig wissenschaftlich zu arbeiten!" Sich selbst überlassene Praktikanten brauchen zwanzig Versuche, bis sie irgendwann von selbst darauf kommen, wie man den Schütteltrichter am besten anfasst. Der angeleitete Praktikant braucht dazu genau einen Versuch und kann sich in weiteren Versuchen anderen Lernzielen widmen. Welche eine Ineffektivität ist es, die den Studenten da unter dem Deckmantel vermeintlicher Wissenschaftlichkeit zugemutet wird!!! Könnte man dann einen Friseurlehrling nicht ebenfalls "wissenschaftlich" ausbilden, indem man ihn nur einfach so lange Dauerwellen machen lässt, bis sich keine Kundin mehr beschwert? Was für den Friseurladen der wirtschaftliche Ruin wäre, ist in manchen chemischen Praktika leider ohnmächtig durchlebte Praxis. Anleitung von Studenten und selbständiges Arbeiten als Lernziel sind kein Widerspruch! Aus meinem eigenen Praktikum kann ich berichten, dass die getroffenen Organisations- und Unterweisungsformen derart effektiv sind, dass die frei gewordene Zeit erfolgreich dazu verwendet werden kann, die Grundpraktikanten auch anspruchsvollere Versuche durchführen zu lassen, die andernorts oft erst im Hauptstudium zu absolvieren sind. Außerdem ist die Qualität der hergestellten Substanzen im Regelfall so gut, dass diese den Mitarbeitern des Instituts zur Weiterverwendung überlassen werden können. Auch das ist übrigens eine Motivationssteigerung für die Praktikanten. In der Zusammenfassung für mein HIS-Referat vom 13.1.1998 schrieb ich:
Davon ist nichts zurückzunehmen!
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