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T. Lehmann | Letzte Aktualisierung: 10.11.2005 | Links   
Dr. T. Lehmann
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Beseitigen von verschütteten Chemikalien

Verschüttete Feststoffe

Ein Esslöffel voll Weizenmehl lässt sich leicht von der Hand blasen.

 

Toxische Feststoffe können durch Bildung von Stäuben eine beträchtliche Gefahr darstellen, vor allem, wenn Sie verschüttet werden. Unglücklicherweise wird in Sicherheitsdatenblättern dennoch nicht selten trotz ausdrücklicher Warnung vor der Staubgefahr das Zusammenfegen verschütteter Stoffe empfohlen. Dabei kann durch Anfeuchten die Bildung von Stäuben drastisch reduziert werden. Sofern nicht mit gefährlichen Reaktionen zu rechnen ist, ist das beste Lösungsmittel Wasser.

      

Ein Esslöffel Weizenmehl auf der Hand
Ein Esslöffel Weizenmehl auf der Hand.

 

Das ganze mit dem Mund weggeblasen
Das Ganze mit dem Mund weggeblasen.

Es ist keineswegs nötig, dass sich der Stoff dazu in dem Wasser lösen muss. Vielmehr lässt sich auch ein unlöslicher Stoff mit Wasser so weit anpasten, dass keine Stäube mehr auftreten. Das lässt sich mit dem Weizenmehl ebenfalls leicht zeigen.

 

Wichtig ist, dass das Wasser nicht in dicken Tropfen oder gar in starkem Strahl aufgetragen sondern fein versprüht wird. Zur Demonstration lässt man (als Wasserersatz) einen schweren Gegenstand (Metallkugel, großer Magnetrührkern) auf einen neuen Mehlhaufen fallen: Das Mehl spritzt dabei zur Seite weg. Auch der aufschlagende Wassertropfen kann einen Teil des Materials durch die Wucht des Aufpralls unter Staubbildung wegschlagen.

       Ein großer Magnetrührkern ist in den Mehlhaufen gefallen.
Wassertropfen, der auf Pulver fällt        So dramatisch wie bei dem Magnetrührkern (Pfeil) ist die Wirkung von aufschlagenden Wassertropfen natürlich nicht. Aber auch sie können Material als Staub aufwirbeln.

 

Bei aufgesprühtem Wasser passiert dagegen nichts. Als Sprühflasche kann man eine Blumenspritze verwenden oder noch besser (weil kostenlos): Eine ausgediente Flasche Haushaltsreiniger mit Sprühkopf. Eine solche Flasche sollte in keinem Notfallset fehlen. Noch ein Tip: Zum Aufnehmen der erzeugten "Pampe" können möglicherweise zwei Plastikspachtel helfen, die man aus einem Werkstattrest auch selbst anfertigen (lassen) kann.

Sprühkopf einer Haushaltsreinigerflasche Sprühkopf einer Haushaltsreinigerflasche

Angefeuchteter Mehlhaufen
Angefeuchteter Mehlhaufen: Die Staubgefahr ist gebannt.

Sprühwasser, welches auf Pulver sinkt.
Wasser als Aerosolwolke,
die auf den Verschütteten Feststoff sinkt.

 

Hinweis:

  • Praktikanten sehen alsbald ein, dass das Zusammenfegen von staubbildenden Gefahrstoffen problematisch ist. Fast immer wollen sie aber zum Anfeuchten ein gut lösendes Lösungsmittel verwenden. Das wäre im Ernstfall problematisch, da auch die meisten Lösungsmittel toxische oder leicht entzündliche Dämpfe entwickeln und zudem rasch verdunsten. Noch mehr als ohnehin schon hätte man ferner auf ausreichend resistente Handschuhmaterialien zu achten, da man bei solchen Beseitigungsmaßnahmen eher damit rechnen muss, in die Chemie "hineinlangen" zu müssen.

Verschüttete Flüssigkeiten

Zum Beseitigen von verschütteten Flüssigkeiten werden in Sicherheitsdatenblättern die mannigfaltigsten Absorptionsmittel empfohlen. Sogar mit dem Kauf spezieller Adsorptionsmittel ("Chemisorb") wird gelockt. Für sehr viele Zwecke sind aber Fließpapier bzw. Zellstofftücher besser geeignet, weil das erhaltene Gemenge sich wegen des auch im feuchten Zustand besseren Zusammenhalts z.B. mit der Tiegelzange aufnehmen lässt, wodurch die Handschuhe eher trocken bleiben. Aufpassen muss man aber z.B. bei starken Oxidationsmitteln, die den Zellstoff entflammen können.

Praktikanten sollten ein paar grundsätzliche Regeln zum Entsorgen verschütteter Stoffe kennen. Von Feststoffen war oben schon die Rede. Säuren werden rasch mit Wasser verdünnt. Das mindert z.B. bei Salpetersäure auch die starke Oxidationskraft. Nach Neutralisation mit Natriumhydrogencarbonat (bis zum Ausbleiben des Aufschäumens) wird aufgenommen oder ins Abwasser gespült. Organische Lösemittel sind häufig schon verdunstet, bevor man irgendetwas unternehmen kann. Auch wenn das Ablüften etwas länger dauert, kann dies die bessere Alternative sein, wenn man dadurch das Herumhantieren von mit gefährlichen Stoffen benetzten scharfkantigen Glasscherben in einer ebenfalls gefährlichen Atmosphäre vermeiden kann. Zu beachten ist der Explosionsschutz. Das Ziehen aller Stecker und dann erst einmal raus aus dem Labor sollte eine tief verinnerlichte Maßnahme sein, die man am besten auch gleich übt. Noch besser ist dran, dessen Labor über einen zentralen elektrischen Notausschalter verfügt.

Übung:

Die im Labor greifbaren Stromverbraucher sollten schon vor der Übung unter einem Vorwand angeschaltet worden sein. Eine offene 1-l-Plastikflasche mit Wasser, die für die Übung jetzt aber mit "Diethylether" etikettiert worden ist, wird von einem entsprechend instruierten Praktikanten "versehentlich" umgestossen, so dass sie auf den Boden fällt und ausläuft. Er ruft: "Sch...! Das war Ether!!" Alle sollen möglichst schnell den Raum verlassen und dabei die Stecker aller Stromverbraucher ziehen. Falls es noch einer "schafft", das Fenster aufzureissen: Auch gut!

Verschüttetes Quecksilber

Oft herrscht die Meinung, auf verschüttetes Quecksilber müsse man unbedingt etwas - möglichst sogar so viel wie möglich - draufschütten. Schade um die vergeudeten Chemikalien, schade um die teureren Entsorgungskosten wegen des nunmehr erheblich vergrößerten Abfallgewichtes, vollkommen unnötig die erhebliche "Schweinerei", wenn z.B. jemand auf die Idee gekommen ist, das Quecksilber mit Iodkohle zu übergießen. Damit nicht genug: Viele dieser Verfahren sind obendrein auch noch wirkungslos.

Im Praktikum sind es häufig die Thermometer, die den Weg zum Fußboden finden und dort zerschellen. Weiträumiges Absperren ist da die erste Maßnahme, weiträumiges Kehren die zweite. Quecksilber lässt sich ganz leicht zusammenfegen, wodurch sich das Unglück von zuvor einigen Quadratmetern schon mal auf wenige Quadratzentimeter reduzieren lässt. Hat man es dann mit Quecksilber zu tun, welches in viel Bodendreck versteckt ist, entsorgt man den gesamten Haufen als "quecksilberhaltigen Bodenkehricht". Liegt das Quecksilber dagegen eher in reiner Form vor, so wird es aufgelesen. Eine Quecksilberzange hilft manchmal, aber nicht immer. Sehr wirksam ist ein ca. 2 cm breiter Zinkblechstreifen, der vor dem ersten Mal mit etwas Salzsäure angeätzt werden muss. An die Quecksilberkugeln gehalten, springen diese geradezu magisch an die angeätzte Zinkblechstelle. Das gebildete flüssige Amalgam lässt sich an einem Entsorgungsgefäß vorsichtig abschlagen. Das Zinkblech ist lange Zeit weiter für diesen Zweck verwendbar und verbraucht sich dabei nur ganz langsam. Mit ein wenig Geduld gelingt das Auflesen des Quecksilbers mit dieser Methode vollständig.       Zinkblech zum Aufnehmen von Quecksilber
An der mit dem Pfeil markierten Stelle ist gerade ein Quecksilberkügelchen an das Zinkblech gesprungen.

Hinweise:

  • Es erscheint nicht adäquat, bei der Allgemeinen Unterweisung zu Übungszwecken einen Quecksilberunfall zu inszenieren. Man erklärt den Praktikanten die Methode und zeigt die Vorgehensweise, wenn ein entsprechender Vorfall tatsächlich eingetreten ist.
  • Für alle Fälle wird im Praktikum noch ein spezifisches Absorptionsmittel für Quecksilber vorrätig gehalten. Bislang ist dies jedoch noch nicht benötigt worden.


Noch ein ganz allgemeiner Hinweis:

Wer etwas verschüttet hat, hat oft ein schlechtes Gewissen, weil er ja gerade einen Fehler gemacht hat. So etwas kann zu überhasteten Aktionen verleiten, besonders wenn man der Ansicht ist, dass irgendjemand anderes, z.B. der Saalassistent lieber nichts merken sollte. Assistenten sollten deshalb in solchen Situationen niemals abschreckend unwirsch reagieren, sondern im Gegenteil große Besonnenheit und Ruhe ausstrahlen.

In den meisten Fällen drohen spätestens nach Räumung des Labors und gfls. Ziehen der Stecker oder Abschalten des Strom durch zentralen Notausschalter keine unmittelbaren Gefahren mehr. Ist Zeit vorhanden, so sollte diese zum ruhigen Überlegen genutzt werden. Werden bei den Überlegungen auch die Praktikanten mit einbezogen, so ist das eine hervorragende Möglichkeit den Praktikanten zu zeigen, wie man auch mit einer solchen Situation fertig wird.