Letzte Aktualisierung: 07.06.2009
Letzter vollständiger Linkcheck: 07.06.2009
Undichte
Chlorwasserstoffgas-Druckgasflasche
Ort, Jahr:
FU-Berlin, 2003
Zeitraum:
Später Nachmittag
Hergang:
In einem Mitarbeiterlabor steht eine Druckgasflasche mit Salzsäure
zur Verwendung bereit. Die Sicherungskappe ist noch aufgeschraubt und demzufolge
kein Entnahmeventil angeflanscht. Die Mitarbeiter bemerken plötzlich,
dass sich im Ventilbereich Salzsäurenebel bilden, die an der Flaschenwand
kondensieren und zu Boden laufen und schon eine kleine Pfütze
Salzsäure um die Flasche herum gebildet haben. Die Mitarbeiter verlassen
den Raum und alarmieren die zentrale Leitwarte der FU Berlin. Diese wiederum
alarmiert die im Hause befindliche Betriebstechnik. Der Betriebstechniker
besichtigt das Labor, fühlt sich aber nicht sachkundig, an der
Druckgasflasche zu hantieren. Es gelingt ihm zunächst nicht, eine
verantwortliche Person hinzuzuziehen (Der zuständige Arbeitsgruppenleiter
befindet sich auf einer Dienstreise, die Sicherheitsbeauftragten sind wegen
des fortgeschrittenen Nachmittags teilweise schon im Feierabend, teils nicht
an ihren Arbeitsplätzen sondern auf Sitzungen). Es gelingt ihm
schließlich, einen anderen Professor zu alarmieren, der den Zustand
der Druckgasflasche ebenfalls besichtigt. Dieser wähnt die regulär
vorhandenen Bohrungen in der Schutzkappe als Ätzschäden oder zumindest
den Durchmesser der Löcher durch Ätzschäden stark
vergrößert. Da keine unmittelbar brisanten Folgen zu drohen scheinen,
ruft er unter 112 die Feuerwehr an und bittet darum, ob nicht zunächst
ein Fachkundiger vorbeikommen könne, um die Situation zu beurteilen.
Tatsächlich erscheint wenig später ein leitender Feuerwehrmann, der
wiederum die Flasche besichtigt und aber keinen anderen Rat weiß als
Räumungsalarm für das Haus auszulösen und
seine Kollegen zu alarmieren, die mit über 50 Personen, einem Einsatzleitfahrzeug
im Reisebusformat und jeder Menge schwerem Gerät vorfahren. Auch die
Einsatzleitung ist offenbar unsicher, wie verfahren werden soll. Mehrere
Alternativen werden diskutiert und wieder verworfen. Ein Trupp
Feuerwehrmänner rückt schließlich mit schwerer Atem- und
Säureschutzausrüstung in den betreffenden Raum vor und kann die
Undichtigkeit durch Schließen des Hauptventils beseitigen. Zusätzlich
wird eine dicht schließende Kappe mit Ablassventil aufgeschraubt, so
dass die Flasche nun doppelt gesichert ist. Dann rückt der Trupp erst
mal wieder aus dem Raum ab und es wird weiter debattiert, was nun passieren
soll. Da es nicht ganz auszuschließen ist, dass das Ventil schadhaft
ist, wird entschieden, die Flasche auf einen außerhalb von Wohngebieten
gelegenen Sprengplatz zu verbringen, wo die Druckgasflasche von der
Herstellerfirma übernommen und begutachtet werden soll. Zum Transport
wird ein kühlbarer Container angefordert, der mit Wasser gefüllt
und in den die Druckgasflasche hineingelegt wird, so dass beim Transport
eventuell entweichendes Chlorwasserstoffgas sofort durch das Wasser gebunden
werden kann.
Unfallfolgen:
Eine kleine Pfütze Salzsäure im Mitarbeiterlabor.
Bewertung:
Hinterher ist man immer schlauer. War der ganze Aufwand überhaupt
nötig? Warum hat niemand den Mut gehabt, vor der Alarmierung der Feuerwehr
einfach mal am Flaschenventil hinzulangen und es fest zu verschließen?
Wäre eine Stickstoffflasche am Ventil ein wenig leck gewesen, hätte
doch garantiert jeder versucht, ob das Ventil vielleicht nicht ganz
fest verschlossen ist. Und dass austretendes Chlorwasserstoffgas mit der
Luftfeuchtigkeit Nebel bildet, die sich schließlich als salzsaure
Brühe irgendwo niederschlagen müssen, muss doch jedem Sachkundigen
klar sein!
Bei den Mitarbeitern in dem betreffenden Labor handelte es sich um russische
Physiker. Auch Physiker gehen manchmal mit Chemikalien - auch mit Gefahrstoffen
um. Auch wenn man unterstellt, dass die hier betroffenen Mitarbeiter im Umgang
mit dem Chlorwasserstoffgas korrekt unterwiesen wurden, so wird man doch
zugestehen müssen, dass Physiker im Umgang mit Chemikalien nicht so
routiniert und abgebrüht reagieren werden, wie dies Chemiker tun, die
tagein tagaus mit gefährlichen Stoffen zu tun haben. So ist zu
erklären, dass der beherzte sofortige Griff zum Hauptventil unterblieben
ist.
Das weitere Geschehen war ein gruppendynamischer Prozess. Hand auf's Herz:
Wie würden Sie selbst reagieren, wenn eine aufgeregte Personengruppe
Sie um Besichtigung einer freistehenden Druckgasflasche bittet, deren
Vorgeschichte Sie nicht kennen und von der eine eklige Brühe herabrinnt,
was für eine Druckgasflasche nun wirklich absolut nicht normal ist?
Lieber Finger weg, erschien allen Beteiligten denn doch als die sichere
Alternative. Hätte es sich denn nicht auch um einen durch einen Defekt
bedingten, sich möglicherweise rasch verschlimmernden und nicht mehr
kontrollierbaren Gasaustritt handeln können? Schließlich haben
die Mitarbeiter berichtet, dass der Gasaustritt plötzlich und ohne weiteres
Zutun auftrat.
Die Feuerwehr hat nicht individuell ermittelt, ob es sich jetzt um einen
kleinen oder ganz kleinen Zwischenfall handelt. Ganz offensichtlich laufen
in solchen Fällen vernünftigerweise Standardprozeduren ab, wozu
das weiträumige Absperren der betroffenen Umgebung ebenso gehört
wie das Herbeischaffen aller möglichen Geräte, die man im Falle
eines Chemiealarms eventuell brauchen könnte. Lediglich die aufwändige
Dekontamination der Feuerwehrleute, die die bereits abgedichtete Druckgasflasche
heruntergeschafft haben, durch Abspritzen mit Wasser und die anschließende
Sorge, ob das Waschwasser denn nun als Sonderabfall entsorgt werden müsse,
wirkten denn doch etwas übervorsichtig, aber mit einem schnell aus dem
Institut herbeigeschafften 5 cm langen Indikatorpapierstreifen konnte auch
dieses Problem schnell sachlich richtig gestellt werden. Feuerwehrleute sind
schließlich auch nur Feuerwehrleute und nicht etwa
"Undichte-Chlorwasserstoffdruckgasflaschen-Spezialisten".
Fazit:
Wahrscheinlich wäre nach einem Griff am Hauptventil alles in Ordnung
gewesen und der ganze Einsatz war unnötig. Dennoch hat der Feuerwehreinsatz
angesichts der unklaren Sachlage als angemessen zu gelten! Letztlich ist
nichts weiter passiert, als dass eine nicht mehr zweifelsfrei
funktionstüchtige Druckgasflasche mit gefährlichem Inhalt an einen
sicheren Ort verbracht wurde, um sie dem Hersteller zur Überprüfung
zu übergeben. Mit weniger Aufwand ging das ganz offensichtlich nicht.
Für das Institut ergab sich zumindest dahingehend ein Gewinn, dass
die
neue
Brandmeldeanlage ihre Feuertaufe mit Bravour bestanden hat, denn der
Alarmton war so laut und nervig, dass es im Gegensatz zu früher niemand
mehr im Gebäude ausgehalten hat und
dass die ganze Aktion sehr lehrreich für zukünftige aber hoffentlich
nie eintretende Fälle gewesen ist. Wichtiger Lernerfolg: Ganz offensichtlich
ist es für die Feuerwehr extrem hilfreich, eine genaue
Situationsbeschreibung zu erhalten (in diesem Fall waren es z.B. eine genaue
Standortbeschreibung der Örtlichkeiten, Eigenschaften des
Chlorwasserstoffgases, Druckgasflaschendruck laut Datenblatt, Menge des
enthaltenen Gases, Zustand der Gasflasche). Das mag ganz selbstverständlich
klingen, war aber für das Institutspersonal höchst bemerkenswert,
da bei einer vor einiger Zeit in Verbindung mit der Feuerwehr
durchgeführten
Räumungsübung
die Einsatzkräfte das Institutspersonal "wie Luft" behandelt und vollkommen
eigenständig agiert haben. Immerhin: Diese Zusammenarbeit mit der Feuerwehr
hat eigentlich trotz noch ausstehender Alarmpläne (die jetzt eigentlich
erst im Zuge der Inbetriebnahme der neuen Alarmanlage erstellt werden sollten)
auch spontan ganz gut geklappt.
Überaus bemerkenswert ist darüber hinaus, dass der "Berliner
Tagesspiel" in der Ausgabe vom 24.6.2003 über den Vorfall einen Bericht
geschrieben hat, der in seiner Korrektheit beispielhaft ist: Keine Spur von
sonst presseüblichen hysterischen Übertreibungen, sondern eine
sachlich 100-%ig korrekte Darstellung. Sogar die chemischen Sachverhalte
stimmen. Wenn das doch bloß immer so wäre!