Letzte Aktualisierung: 07.06.2009
Letzter vollständiger Linkcheck: 07.06.2009
Chemikalieninhalation durch abblasenden Autoklaven
Ort, Jahr:
FU-Berlin, 1996
Zeitraum:
Während der Arbeitszeit
Hergang:
In einem 100-ml-Autoklaven wurde nach etablierter Vorschrift ein deuteriertes Freon-Gemisch aus
Antimonhalogeniden und deuteriertem Chloroform hergestellt. Bei der Reaktion versagte die
im Autoklaven eingebaute Temperaturregeleinrichtung (Fühler im Reaktionsraum) und der
Autoklav heitzte durch, bis die Berstscheibe auslöste und der Autoklav abblies.
Da der Autoklav mitten im Raum betrieben wurde,
griff eine Mitarbeiterin das fauchende Ding, um es unter den Abzug zu stellen.
Erste Hilfe:
Ersthelfer war ich selbst. Die Mitarbeiterin kam zu mir und klagte darüber,
dass sie ätzende Dämpfe eingeatmet hätte. Es war für mich aber
außerordentlich schwer, das Ausmaß der Inhalation einzuschätzen, denn
ich konnte nichts feststellen, was auf eine Beeinträchtigung der Lunge hingedeutet
hätte. (Husten, unnormales Atmen etc.) Auch eine Besichtigung der Unfallstelle
ergab nichts verwertbares, denn der Raum war zwischenzeitlich längst gelüftet
worden. Standardratschlag war also, erst einmal an die frische Luft zu gehen und nach
Möglichkeit zu entspannen. Nach weiteren 15 Minuten kam die Mitarbeiterin wieder zu mir
- immer noch deutlich beunruhigt, denn es würde ihr irgendwie nicht gut gehen.
Ich habe Sie daher zu unserem nahegelegenen Betriebsärztlichen Dienst geschickt, wo man
mir für solche Zweifelsfälle zugesichert hat, beratend tätig zu werden.
Dort ist folgendes passiert:
Der Leiterin ist eine gewisse leichte Hautrötung aufgefallen und sie hat daraufhin
zu Vergleichszwecken den Ausschnitt des T-Shirts leicht verrückt - und siehe da:
Die von Kleidung bedeckten Hautstellen waren deutlich blasser. Damit war klar: Auch die
Inhalation war dann wohl nicht unbedeutend.
Sofortmaßnahmen:
Wechsel des T-Shirts (durchgaste Kleidung!)
Duschen
Auxiloson-Spray
Anschließend Weiterleitung an die Erste-Hilfe-Stelle.
Unfallfolgen:
Welche Behandlung in der Ersten-Hilfe-Stelle erfolgte, ist nicht mehr genau bekannt.
Die Mitarbeiterin erlitt jedoch keinerlei Unfallfolgen.
Probleme:
Die Diagnose von Inhalationsvergiftungen gehört zu den schwierigsten
Erste-Hilfe-Leistungen, da das betroffende Organ nicht sichtbar ist.
Mediziner versichern übereinstimmend, dass
Cortison erst bei einer Langzeittherapie seine bekannten schädlichen
Nebenwirkungen zeigt, weshalb der Ersthelfer ruhig auch bei Zweifelsfällen das
Auxilosonspray geben sollte.
Hinzu kommt, dass Unfallopfer oft in der ersten Reaktion gerne den Schaden gleich selbst
wegmachen wollen. Also wird alles geputzt und gelüftet, damit es möglichst schnell
nicht mehr so schlimm aussieht. Erst dann fällt plötzlich auf, dass die eigene
Gesundheit angegriffen ist. So hat der Ersthelfer kaum noch Anhaltspunkte für eine
Einschätzung der Sachlage.
Methodische Fehler:
Der Betrieb im freien Raum war ein mit entscheidender Faktor für die Inhalation.
Da es sich um eine bekannte, routinemäß durchgeführte Reaktion handelte,
ist ein Betrieb hinter explosionssicheren Schutzwänden gemäß
Ziff. 3.7.2
der "Richtlinien für Laboratorien" zwar nicht notwendig, aber der Betrieb
in Abzug sollte Standard sein.
Die Verletzungsfolgen wären geringer ausgefallen, hätte die Mitarbeiterin
sofort den Raum verlassen, anstatt den Autoklaven noch in den Abzug zu tragen.
Ich selbst habe mich von der Symptomlosigkeit der Mitarbeiterin und dem aufgeräumten
und geruchsfreien Labor dahingehend blenden lassen, als ich von einem Bagatellfall - wenn
nicht gar einem gar nicht so seltenen "Hysteriefall" ausgegangen bin, bei dem
die Betroffenen in manchmal heilloser Angst überreagieren. Dies hat mich auch davon
abgehalten, mich näher mit den beteiligten Chemikalien auseinanderzusetzen. In diesem
Fall hätte ich z.B. in Betracht ziehen muessen, dass wahrscheinlich nicht nur Gase,
sondern auch die bei Raumtemperatur festen Antimonhalogenide ausgetreten und als
nicht sichtbarer Staub auf der Bekleidung haften geblieben sind.
Maßnahmen:
Der defekte Temperaturfühler des Autoklaven wurde ausgebaut. Das Gerät wird jetzt
nicht mehr im elektrischen Heizmantel, sondern in einem Bad beheizt, dessen Temperatur mit
einem Kontaktthermometer geregelt und überwacht werden kann.
Um generell der Korrosionsgefahr durch die agressiven Gase zu begegnen, ist nun auch der Kopf
des Autoklaven für etwa 1300,- DM mit einer Teflonauskleidung nachgerüstet worden.
Die Aufsicht über die Verwendung des Autoklaven obliegt nun einem festangestellten
Mitarbeiter, der inzwischen auch Sicherheitsbeauftragter ist. Dieser stellt unter anderem
sicher, dass das Gerät nur noch im Abzug verwendet wird.
Über die Probleme bei der Diagnose von Inhalationsvergiftungen habe ich bei mehreren
Ersthelfer-Schulungskursen berichtet. Ob diese Maßnahme aber nachhaltig ist - vor allem
bei der universitätstypisch hohen Personalfluktuation, darf bezweifelt werden.
Wichtig ist ein Gespür für die jeweilige Situation. Da kann das sonst übliche
"Allheilmittel Betriebsanweisung" wohl nicht helfen. Immerhin: Den - bei allem
Respekt - notwendigen "Griff an die Wäsche" habe nun wenigstens ich
verinnerlicht. Und Auxilosonspray sowie eine komplette Garnitur Ersatzkleidung liegen bei mir
schon lange in der Schublade.