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Dr. Thomas Lehmann | |
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Letzte Aktualisierung: 13.08.2004 |
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Nur eine Räumungsübung ...Was man bei so einer simplen Übung alles an Mängeln aufdecken kann.Ein Bericht aus dem Institutsgebäude Takustr. 3 des Instituts für Chemie der FU-Berlin
PrologRäumungsübungen sind nach den Brandschutzgrundsätzen des Berliner Senats vom 26.5.1998 in einem empfohlenen Intervall von 3 Jahren abzuhalten. Für ein universitäres Institutsgebäude ist das wegen der hohen Personalfluktuation eher zu wenig, denn die Studenten sind nur semesterweise in dem Gebäude tätig und die Promotionszeiten der Mitarbeiter liegen bei 3 1/2 bis 4 Jahren. In einem konkreten Alarmfall wäre auch bei regelmäßigen Übungen davon auszugehen, das ein erheblicher Teil der gerade im Gebäude befindlichen Personen nicht instruiert wäre, was zu tun ist. Umso größer ist dadurch natürlich die Verantwortung der Eingewiesenen, insbesondere der Dauerstelleninhaber, sich um die anderen mit zu kümmern. Wieso? Wenn es hupt oder klingelt, muss man doch einfach nur raus? Wenn Sie sich das so einfach vorstellen, so täuschen Sie sich möglicherweise gewaltig! Diese WEB-Seite berichtet von einer solchen Übung, bei der trotz intensiver Vorbereitungen nicht eben allzu viel korrekt geklappt hat. Sie soll aber zeigen, welche Chancen eine solche Übung bietet, Fehler und Mängel zu erkennen und sie natürlich zu beseitigen. Der erste VersuchDas genannte Institutsgebäude existiert etwa 20 Jahre. In den ersten 18 Jahren haben wir Räumungsübungen - naja, sagen wir mal "vergessen". Im Jahr 2000 hat sich das geändert und wir haben die erste Räumungsübung in der Geschichte des Instituts durchgeführt. Zur Vorbereitung wurden für Professoren, Mitarbeiter und Studenten jeweils gesonderte Informationsrundschreiben verfasst, die neben dem Zeitpunkt der Übung auch ausführliche Handlungsanweisungen enthielten. Aufgrund dieser Vorbereitung gelang es, dass das Institut innerhalb von 5 Minuten nach Alarmauslösung geräumt war. Bei der Übung hatten die Sicherheitsbeauftragten des Gebäudes Listen über die genaue Mitgliederzahl jeder Arbeitsgruppe und jedes Praktikums. Anhand dieser Listen konnte nachvollzogen werden, dass die verantwortlichen Leiter leidlich korrekt über den Verbleib Ihrer Mitarbeiter Auskunft geben konnten. Einzig die Praktika bereiteten hier Schwierigkeiten, da Praktikanten sich üblicherweise nicht an- oder abmelden und bei großen Praktika nicht einmal jeder Labornachbar einem Praktikanten namentlich bekannt ist. Ein weiteres überraschendes Ergebnis war, dass viele angaben, den Alarm kaum gehört zu haben. Der zweite VersuchDas Problem des zu leisen Alarms noch einmal genau zu untersuchen war u.a. Ziel der zweiten Räumungsübung im Jahr 2001. Dass diese Übung bereits so kurz danach angesetzt wurde, war dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass ein neu eingestellter Sicherheitsingenieur der FU gute Kontakte zur Berliner Feuerwehr unterhält und deshalb angeregt hat, die Übung in Zusammenarbeit mit der Feuerwehr abzuhalten. Diese Gelegenheit haben sowohl die Feuerwehr wie auch wir selbst gerne aufgegriffen. (Die Feuerwehr nimmt solche Gelegenheiten offenbar sehr gerne wahr und es bedarf zum Zustandekommen einer solchen Übung ganz sicher nicht notwendigerweise irgendeines "Vitamin B's".) Folgende Dinge sollten bei der Übung untersucht werden:
Folgendes Szenarium wird vorbereitet: Ein Praktikumslabor wird als Unfallstelle hergerichtet. Es wird mit leeren Flaschen und allerlei Gerätschaften vollgestellt.
"Die Story":
Etwa ein Dutzend Praktikanten wird angeworben, um den Ablauf der Übung beobachten zu helfen. Sie werden an strategisch wichtigen Punkten aufgestellt und sollen anhand einer Checkliste kontrollieren, wie die Leute sich bei dem Alarm verhalten
Die Praktikanten sind angewiesen, alle Räume des ihnen zugewiesenen Bereichs entsprechend zu kontrollieren.
4 weitere Praktikantinnen befinden sich zum Zeitpunkt des Unglücks in dem betreffenden Labor. Sie werden durch den Unfall "verletzt". Zwei haben nur leichte Hautrötungen, eine dagegen bereits Brandblasen sowie eine offensichtliche Rauch- oder Gasvergiftung. Die vierte hat eine Platzwunde am Kopf und bleibt "ohnmächtig" im Labor zurück. Beim Fluchtversuch über den Fluchtbalkon ist sie ausgerutscht und mit dem Kopf an einer Kante aufgeschlagen.
Die Mitglieder des Institutsgebäudes erfahren dieses Mal nur den Zeitpunkt der Übung - weiter nichts. Einige der Organisatoren hätten am liebsten eine Übung ganz ohne Vorwarnung abgehalten, aber das geht nicht: Das Notabschalten von laufenden Apparaturen hätte Schäden verursachen können. Kurz vor dem Übungstermin treffen unauffällig die Übungsleiter der Feuerwehr sowie die Sicherheitsingenieure der FU ein. Die Praktikantinnen haben im betreffenden Labor schon den ganzen Tag auffällig herumgewerkelt. Die Feuerwehr hat eine Nebelmaschine mitgebracht. Auch die Betriebstechnik des Instituts hat so ein Ding. Mit beiden Maschinen werden Labor und Flur kräftig vernebelt. Die Rauchmelder an den Brandabschnittstüren sorgen alsbald dafür, dass diese Türen automatisch schließen. Der betreffende Flurbereich ist jetzt hermetisch abgeriegelt. Damit der Nebel im Labor eine Weile anhält sind mit der Erlaubnis der Betriebstechnik die Abzugschächte abgedeckt worden. Alle Beobachter sind auf Posten. Bis dahin hat niemand im Haus mitbekommen, was sich da anbahnt.
Zum vereinbahrten Zeitpunkt wird in dem Labor ein großer Standzylinder mit einer Mischung aus Stadtgas und Luft gefüllt und das Gemisch an einer Flamme entzündet. Es gibt einen unglaublich lauten Rumms. Die drei Praktikantinnen flüchten über den Fluchtbalkon. Die mit dem Inhalationstrauma ist schwer angeschlagen, ringt nach Atem und krümmt sich, die beiden anderen drücken einen Alarmknopf und laufen hilflos umher. Die ersten Menschen kommen aus ihren Arbeitsräumen. Vielen gelingt es nicht, sich in die konkrete Situation eines Unfalls hineinzudenken - sie empfinden die Tatsache, dass da ein paar Verletzte herumlaufen, als nette Dreingabe, damit das Szenarium ein bisschen wirklichkeitsnäher aussieht. Die Ersthelfer agieren da schon deutlich besser. Es scheint ziemlich schwer zu sein, Studenten vollständig über eine Übung zu informieren. Einer hat es nicht mitbekommen und hält das Leiden der schwer verletzten Praktikantin für echt. Immerhin: Sein hohes Engagement lässt hoffen, dass andere in einem echten Ernstfall vielleicht doch ähnlich reagieren.
Auch ein Mitarbeiter reagiert sehr engagiert, obwohl er weiss, dass das alles eine Übung ist. Die beiden leicht verletzten Praktikanten jammern, dass die Freundin wahrscheinlich noch "da drin" zurückgeblieben sei. Er greift kurzentschlossen eine Atemschutzmaske mit Universalrettungsfilter und will in den abgeriegelten Brandabschnitt hineingehen, um nach der Praktikantin zu suchen. Wir halten ihn davon ab, denn zu diesem Zeitpunkt war schon alles so stark verqualmt, dass weder Orientierung noch die Zuverlässigkeit des Atemschutzes gewährleistet gewesen wäre. Die Laborinsassen, deren Labore an den verqualmten Flur grenzen, sind von der Sachlage vollkommen überrascht. Sie müssen ebenfalls über den Fluchtbalkon entkommen. Irgendeiner wird sich später einmal darüber beklagen, dass die Tür, durch die man von dort zurück ins Treppenhaus kommt, um das Gebäude verlassen zu können, nicht aufzubekommen war. Wir laufen einige Tage später alle Fluchtbalkone ab - und tatsächlich: 2/3 der Türen haben sich so verzogen, dass sie mehr oder weniger stark klemmen. Eine böse Situation im Ernstfall! Kurz nach Beginn des Alarms kommen Beobachterposten zu uns und berichten, dass von dem Alarm fast nichts oder gar nichts zu hören sei. Und tatsächlich: Der Alarm ist nur in dem Trakt ausgelöst worden, in dem die Praktikantinnen den Knopf gedrückt hatten. Erst hinterher wird klar, wie das einmal früher geplant war: Der im Trakt ausgelöste Alarm geht auch an die Pförtnerloge. Dort hätte man offenbar zurückrufen sollen, um zu erfahren, was vorgefallen ist. Aufgabe der Pförtnerei wäre es dann gewesen, von Hand den Alarm falls nötig im ganzen Haus auszulösen. Erschreckend genug, dass niemand im Hause hierüber Bescheid wusste! (Mit Ausnahme des Elektrikers der Betriebstechnik. Auf den hat aber keiner rechtzeitig gehört.) Was dem Fass aber den Boden ausschlägt, ist der Umstand, dass das Land Berlin unter derart starkem Kostendruck steht, dass die Stellen der Pförtnereien nicht wiederbesetzt werden. Auch unsere Pförtnerei ist seit einiger Zeit verwaist und somit ist die Auslösung eines Räumungsalarms für das gesamte Haus de facto unmöglich geworden! Immerhin geht der Alarm auch automatisch an die zentrale Feuerleitwarte der FU. Auch dort ist man gehalten, vor einem Anruf bei der Feuerwehr zunächst bei den Pförtnereien zurückzufragen, was passiert ist. Die neue Telefonanlage hat es immerhin ermöglicht, die in der nun leeren Pförtnerloge ankommenden Anrufe auf die daneben befindliche Druckerei umzuleiten. Der Anrufer hat Glück, denn die nur halbtags beschäftigte Frau in der Druckerei absolviert gerade eben ihre letzte Dienstminute. Von Ihrem Platz aus kann sie die Alarmzentrale natürlich nicht sehen. Zu hören ist dort unten auch nichts. Aber auch ihr hat man gesagt, dass heute eine Räumungsübung sei. Sie sagt also, dass das wohl alles nur eine Übung sei. Mehr weiß sie nicht. Der Diensthabende der Feuerleitwarte wurde zuvor nicht eingeweiht. Stattdessen hat sich ein Sicherheitsingenieur unter einem Vorwand bei ihm eingefunden und instruiert ihn nun, an der Übung in der Weise teilzunehmen, dass er einen Notruf absetzen soll - nur statt 112 die Handy-Nummer eines der Sicherheitsingenieure wählen soll. Der Handy-Besitzer kontrolliert die Angaben. Viel gibt es ja nicht zu berichten, aber immerhin: Das klappt. Inzwischen ist parallel die Feuerwehr "alarmiert" worden, d.h. der Übungsleiter vor Ort hat Bescheid gesagt, es könne jetzt losgehen. Da es November und damit draussen kalt ist, soll nicht allzuviel Zeit bis zum Eintreffen der Feuerwehr verstreichen. Tatsächlich ist sie mit 2 Löschzügen binnen 5 Minuten vor Ort, was so ungefähr den optimalen Fall bei einem realen Einsatz darstellt.
Derweil "tröpfeln" die Leute allmählich aus dem Gebäude. Dass sie überhaupt kommen, ist teilweise nur dem Umstand zu danken, dass die Übung angekündigt war. Wegen des nicht hörbaren Alarmsignals haben viele ungeduldig auf die Uhr geschaut oder beim Blick aus dem Fenster gesehen, dass andere schon unten waren. Nur auf diese Weise erfahren sie, dass die Übung schon längst angefangen hat. Nur wenige finden sich an dem tatsächlich vorgesehenen Sammelplatz ein. Die meisten halten sich der Einfachheit halber dichter am Haus auf.
Wegen der vollkommen unzureichenden Alarmierung sind die studentischen Beobachter leider relativ nutzlos geworden. Teilweise initiieren sie es notgedrungen selbst, dass die Leute das Institut verlassen. So weit der Alarm gehört wurde, registrieren sie immerhin noch sehr sehr unterschiedliche Verhaltensweisen. Manche gehen einfach nur raus, andere kümmern sich auch z.B. um andere Labore. Dass viele sich erst einen Mantel holen, haben wir bei den niedrigen Außentemperaturen zugestanden. Es nutzt wohl auch im Ernstfall nichts, wenn 100 Menschen zwar 1 Minute früher das Institut verlassen, dafür aber wegen Unterkühlung behandelt werden müssen. Viele Türen werden abgeschlossen. Bleibt zu hoffen, dass man nur bei diesem Übungsfall teures Gerät oder vertrauliche Unterlagen keinem unmittelbaren Zugriff aussetzen wollte und im Ernstfall doch anders reagiert. Da es mehrere Eingänge gibt und insbesondere der Sammelplatz "um die Ecke" liegt, bekommt die Feuerwehr nur wenige Personen zu Gesicht. Sie hat wohl auch Schwierigkeiten, so einen Übungsfall realitätsnah nachzuempfinden. Man denkt nicht daran, wenigstens die wenigen vorgefundenen Institutsmitglieder in die Übung mit einzubeziehen und geht völlig eigenständig vor. Dabei wurden die Feuerwehrleute extra angewiesen, nur die Beobachter zu ignorieren, die zu diesem Zweck sämtlichst mit blauen Schildchen gekennzeichnet waren. Natürlich steuern die Feuerwehrleute zuerst die hauseigene Alarmzentrale an, die sich in der Pförtnerloge befindet. Zwei Anzeigelampen leuchten, aber die Beschriftung darunter ist kryptisch. Normalerweise muss es für solche Fälle Laufkarten geben, mit deren Hilfe die Feuerwehr sofort in der Lage ist, aus der Beschriftung des blinkenden Lämpchens den Brandort zu identifizieren und anhand des dazu gehörenden Geschossplans aufzusuchen. Bei uns war das bis vor kurzem ein vergilbter Haufen zerknitterter loser Zettel, die seit Einweihung des Gebäudes vor 20 Jahren in irgendeiner Ecke ihr Dasein gefristet haben. Kurz vor der Übung hat ein Mitarbeiter des Hauses daraus einen wohlsortierten Aktenordner mit neuen Zeichnungen und Erläuterungen gemacht. Die Mappe liegt oben auf der Alarmzentrale, wird aber in der Hektik in der unübersichtlich auch mit Pflanzen und weiterem Inventar vollgestellten Pförtnerloge nicht entdeckt. Eher Zufall, dass der Feuerwehrmann aus der Beschriftung des brennenden Lämpchens wenigstens das Stockwerk richtig mutmaßt.
Kostbare Zeit vergeht, um das Stockwerk abzusuchen. Ein winziges kleines Rauchwölkchen vor der geschlossenen Brandschutztür weist schliesslich den richtigen Weg.
Wer glaubt, die Feuerwehr geht nun schnurstracks hinein und bringt alles wieder in Ordnung, liegt völlig falsch. Für sie ist die Situation vollkommen unklar. Zunächst wird die Brandschutztür betastet. Der Übungsleiter muss hier natürlich das Ergebnis ansagen: "Sie fühlt sich leicht warm an." Man ist sicher, jetzt an der richtigen Stelle zu sein. 2 Feuerwehrmänner mit Schutzanzügen rücken vor, zusammen mit dem Einsatzleiter, der mit einem Funksprechgerät in Verbindung mit den Kollegen steht, die sich draußen an den Fahrzeugen befinden. "Unbewaffnet" zum Brandherd vorzudringen wäre selbstmörderisch. Die Männer vor der Tür warten also darauf, das die Wasserschläuche ausgerollt werden, die in diesem Übungsfall natürlich trocken bleiben. Der vordere Löschzug muss dazu erst etwas vorrücken, um näher an den Brandherd heranzukommen. Es muss ein Zugang gefunden werden, durch den der Schlauch ins Haus gebracht werden kann. Ganz zum Schluss reicht er dann immer noch nicht, so dass noch eine Verlängerung von unten geholt und angekuppelt werden muss. Quälende Minuten vergehen. Sicher wäre es hilfreich, wenn die Feuerwehr Informationen bekäme, welches Inventar sich in dem brennenden Abschnitt befindet. Druckgasflaschen z.B. oder der Vorrat an brennbaren Lösungsmitteln. Aber es gibt keinen, der die Feuerwehrleute informiert und sie fragt andererseits auch keinen. Allerdings ist die Situation für sie auch untypisch blöd, denn diverse Personen mit Beobachterstatus haben sich inzwischen eingefunden, die die Feuerwehrleute verabredungsgemäß ja nicht fragen dürfen. Das Wasser als Löschmittel ist wohl OK, denn das hier ist schon längst kein Entstehungsbrand mehr. Wasser im Kontakt mit z.B. Natrium ist deshalb gefährlich, weil dies einen Brand auslösen kann. Den Brand gibt es hier aber schon. Die Feuerwehrleute erläutern hinterher, dass selbst eine eventuell doch noch erfolgende Knallgasexplosion bei den laborüblichen Mengen und dem Sicherheitsabstand, denn die Löschmannschaft einhält, jetzt ziemlich bedeutungslos wäre und die verwendeten Schutzanzüge ansonsten vor Temperaturen bis zu 1000 °C schützen würden. Im übrigen ist auch bei einem ganz normalen Wohnhausbrand mit Explosionen durch die Züundung der durch verschwelendes Inventar gebildeten Gase zu rechnen. Es gibt ja auch keine Alternativen: Schaum verbietet sich, weil in den dann bis zur Decke ausgeschäumten Räumen alle eventuell noch eingeschlossenen Personen ersticken würden. Natürlich hat die Feuerwehr auch die umlaufenden Fluchtbalkone als Angriffsweg mit einbezogen. Diese hätten im Ernstfall vermutlich einen schnelleren Löschangriff von außen ermöglicht. Der Einsatzleiter hat dies auch sofort erkundet, jedoch feststellen müssen, dass alle Fenster des verqualmten Labors geschlossen waren. (Der für die Aufrechterhaltung des Qualms im Labor verantwortliche Mitarbeiter hatte das Fenster hinter den flüchtenden Praktikantinnen wieder geschlossen.) Das Einschlagen eines Fensters ist zwar für die Feuerwehr kein Problem, aber in diesem Übungsfall sollte ja kein Sachschaden verursacht werden. Also wird ersatzweise der Angriff von innen geübt. Die beiden Männer in den Vollschutzanzügen öffnen deshalb unter sorgfältigem Verkeilen mit dem Fuss die Brandschutztür inzwischen schon mal millimeterweise und stellen dahinter dichten Qualm und völlige Finsternis fest. Der Einsatzleiter spricht immer wieder in sein Funksprechgerät. "Unklare Situation" heißt es beunruhigend. Plötzlich kommt von unten die Nachricht: "Wir haben Verletzte gefunden."
Die drei Praktikantinnen sind zwischenzeitlich von anderen ins Freie gebracht worden. Weil es ja aber nur ein Übungsfall ist, verliert sich das Interesse an ihnen schnell. Für sie ist die Situation "irgendwie doof". Außerdem ist es draußen im Kittel ziemlich kalt. Aber es hat doch einen Mitarbeiter gegeben, der mitgedacht und die Feuerwehr darüber informiert hat, dass der Sammelplatz "um die Ecke" liegt und sich dort "Verletzte" befinden. Ein Feuerwehrmann sieht nach und findet die drei zusammengekauert an der Hauswand vor. Es ist nur ein Rettungswagen mitgekommen und der ist in der engen Straße nun auch noch von den übrigen Wagen eingekeilt. Normalerweise müssten jetzt Rettungswagen nachalarmiert werden. Das geht natürlich bei einer Übung nicht, aber wenigstens bringt der Feuerwehrmann eine warme Decke vorbei.
Oben sind inzwischen alle Vorbereitungen abgeschlossen und die beiden Feuerwehrmänner beginnen, im Kriechgang in den verrauchten Flur einzudringen. Durch die Vermeidung des aufrechten Gangs entgehen sie den im Ernstfall möglichen enormen Wärmeschichtungen. Sie finden nur deshalb schnell das brennende Labor, weil der Feuerschein in der Türritze sichtbar ist. Im Labor befindet sich ein Mitarbeiter, der den ständigen Sprechkontakt mitbekommen hat und also weiss, dass die beiden draussen vor der Tür stehen. Er hat deshalb kurzfristig stärker lodernde Flammen produziert. Es gibt weiteren anhaltenden Sprechkontakt mit der Einsatzleitung. Wieder müssen die Männer warten, weil der Schlauch noch weiter nachgeschoben werden muss. Die Situation ist zum Zerreissen gespannt. Auch die Labortür wird erst sorgfältig betastet, ("Heiß!" sagt der Übungsleiter.) und dann ganz vorsichtig und langsam geöffnet.
Drinnen empfangen die beiden lodernde Flammen. Der Wasserstrahl aus dem Schlauch wird natürlich nur simuliert und der Mitarbeiter lässt das Feuer daraufhin ausgehen. Drinnen sieht man vor Qualm kaum die Hand vor Augen. Eine weitere Minute vergeht, bis endlich die vierte am Boden liegende Praktikantin entdeckt und geborgen wird. Seit Alarmauslösung ist eine knappe halbe Stunde vergangen. Für sie kommt jede Hilfe zu spät.
Da der Alarm immer noch nicht abgeschaltet ist, laufen wir den betreffenden Trakt ab. Tatsächlich machen die wenigen ausgelösten Alarmhörner zwar einen infernalischen Lärm, der jedoch schon im unmittelbar daneben befindlichen Labor bei geschlossener Tür zu einem Geräusch herabgedämpft wird, das stark an Transformatorengebrumm erinnert. Keine Spur von einer Warnwirkung. In einer in unmitelbarem Anschluss stattfindenden Übungsbesprechung erläutert eine leitende Person der Betriebstechnik, dass die Alarmhörner veraltet seien und heutzutage andere - durchdringendere - Sirenen vorgeschrieben seien. FolgenSpontan beantragt die Institutsleitung die Änderung der Signalhörner sowie eine Änderung der Alarmauslösung in der Weise, dass das Drücken eines Alarmknopfes sofort im ganzen Haus den Räumungsalarm auslöst. Die Sicherheitsbeauftragten beginnen, sich für die Alarmanlage zu interessieren und überlegen, ob sie zum Ausgleich für den fehlenden Pförtner nicht im Alarmfall eine Art Krisenstab am Haupteingang bilden sollten. Ganz still und heimlich räumt ein Unbekannter die Pförtnerloge auf. Die klemmenden Fluchttüren werden der Betriebstechnik zur Reparatur gemeldet. Wegen der Weihnachtsfeiertage und damit verbundenem Urlaub kann eine Besprechung der Übung mit der Feuerwehr erst nach über einem Monat stattfinden. Die Feuerwehr äußert geballte Kritik an der unzureichenden Situation in der Pförtnerloge, die Sicherheitsingenieure und -beauftragten an den unzureichenden Alarmhörnern. Statt der zuständigen Abteilungsleiter für die Alarmtechnik ist erst einmal nur ein Mitarbeiter erschienen, der allerdings Sachkompetenz und Betroffenheit zeigt. Viele zu klärende Probleme und Verbesserungsmassnahmen werden in diverse Notizbüchlein gekritzelt:
Zufällig findet einige Tage später das alljährliche "Bonner Sicherheitsseminar" statt und zufällig ist Krisen- und Notfallmanagement eines der vorgesehenen Themen. Das gibt die Gelegenheit, weitere Informationen einzuholen und auch zu erfahren, wie es "anderswo läuft". Alle Schattierungen sind zu hören: Von geradezu werksfeuerwehrartig agierenden Freiwilligen bis hin zu der verstohlenen Bemerkung, dass so etwas im eigenen Bereich wohl auch nicht viel besser abgelaufen wäre. Vermeintliche oder tatsächliche Experten beginnen sofort, heftig über das Wasser als Löschmittel zu diskutieren. Mehrere Universitäten halten 50-kg-Pulverlöschbatterien in den besonders gefährdeten Bereichen vor - wir nicht! Also gut! Das Aufgabenheft bekommt weitere Einträge: Noch mal nachhaken, wegen geeigneter Löschmittel und notwendiger oder erstrebenswerter Ausstattung mit Feuerlöschgeräten. Und das Notfall- und Krisenmanagement ... tja, das riecht sehr nach Hausaufgaben. Wieder zurück in Berlin gibt es eine freudige Überraschung: Durch interne Umorganisation ist es möglich geworden, die Pförtnerloge wieder zu besetzen. Zwar nur mit einer Person, die auch mal Dienstschluss und auch mal Urlaub hat oder vielleicht auch mal krank ist. Aber immerhin... Wie erhofft stellen sich alle Sicherheitsbeauftragten zur Verfügung, auch die Aufgaben der Brandschutzobleute zu übernehmen. Dies sind zusammen immerhin 11 Personen von den derzeit etwa 220 Beschäftigten. Die Beschriftung der Meldeleuchten der Alarmanlage wird provisorisch erst mal so geändert, dass sie bereits im Klartext den Trakt angibt, in dem der Alarm ausgelöst wurde. Im Institut passiert dann leider erst mal lange lange weiter gar nichts. Die Organisation von Brandschutzobleuten und -beauftragten ist vollkommen unklar. Das Präsidium will die Verwaltungsleiter der Fachbereiche zu Brandschutzbeauftragten machen, die aber Verwaltungsbeamte sind und mit Dingen wie vorbeugendem Brandschutz noch nie etwas zu tun hatten. Außerdem hat die FU vormals überschaubare Fachbereiche zu riesigen Monstern zusammengefasst. Die Verwaltungsleitung hat somit nicht ein, sondern gleich dutzendweise Institutsgebäude unter sich. Bei dieser Konstruktion kann es gar nicht anders funktionieren, als dass die Verwaltungsleitung sich auf koordinierende Funktionen beschränkt und die eigentliche Arbeit der Brandschutzbeauftragten vor Ort von den Obleuten mit übernommen wird. Ohne dass endgültig klar wäre, wer wo für was zuständig ist, werden im Laufe eines knappen Jahres Brandschutzbeauftragte und -obleute immerhin erst einmal formell eingesetzt und erhalten einen allgemeinen Einführungskurs zum Brandschutz. Die Instandsetzung der Brandmeldeanlage zieht sich während dessen ebenso in die Länge. Es heißt, es rumore in der zuständigen Technischen Abteilung. Die FU, die vom Senat finanziell ausgedörrt wird, weil der Senat selbst kein Geld hat, muss sich die Kosten aus ihrem Etat schmerzhaft herauswürgen. Immerhin, man ist entschlossen, hier jetzt einmal ein Exempel zu statuieren und die Dinge wenigstens an unserem Beispiel mustergültig zu erledigen. Es sickert durch, dass die Alarmtechnik in anderen Gebäuden des Instituts in einem noch viel desolateren Zustand ist als unsere und wir bangen um die Sanierung unseres eigenen Gebäudes. Nach einem Jahr ist schließlich eine Firma gefunden, die den Auftrag bekommen soll. Ein Vertreter bringt ein paar moderne Signalhörner herbei, die jetzt klein und fein sind und die Dutzende von verschiedenen Alarmtönen erzeugen können. Wir testen ausgiebig und müssen feststellen, dass unsere Labortüren offenbar nicht nur 30 Minuten einem Feuer widerstehen können, sondern leider auch ein ausgezeichnetes Schallisolierungsvermögen besitzen. Die bittere, weil teure Konsequenz ist, dass fast in jedem Raum eine eigener Alarmmelder installiert werden muss, was die Kosten beträchtlich in die Höhe treibt. Unser Ansprechpartner von der Technischen Abteilung ist sehr verständig. Wir haben Glück, denn die Technische Abteilung schluckt die Kröte. Es bleibt ja aber auch gar keine andere Wahl: Was soll eine neue Anlage, die hernach wieder keiner höhrt. Also entweder richtig oder lieber gar nicht - und das "gar nicht" mag wohl keiner mehr verantworten. Im Hause werden Gebäudepläne studiert und es werden Kreuzchen gemacht, wo man überall ein Signalhorn installieren muss. Zusammen gezählt ergeben sich so um die 250 Kreuzchen. Uff! Jetzt bloß nichts vergessen. Irgendein leider unentdeckt gebliebener Schwachkopf kippt eines Tages Betriebsmittelabfälle in den Hausmüllcontainer, die dort auch noch - mit Verzögerung - zu brennen anfangen. Gott sei Dank ist der Brand schnell gelöscht. Normalerweise müssten wir stinksauer auf den Deliquenten sein, aber hier sind wir fast dankbar, denn wir entdecken bei der Gelegenheit, dass das Müllhaus keinen Brandmelder hat. Der wird flugs noch mit in das Pflichtenheft mit aufgenommen. Wie war das mit den Lagerräumen? Mist, auch da sind nicht überall Brandmelder, vor allem nicht im Abfalllager. Die Situation ist kompliziert, weil das Lager inklusive der Materialverwaltung eine eigene Brandmelde- und Löschanlage hat, wobei im Ernstfall alles komplett mit Kohlendioxid geflutet wird. Wie ist da das Zusammenspiel mit der neu für das Haus einzubauenden Anlage? Die neue Alarmzentrale soll, wie von der Feuerwehr gewünscht, die Rauchmelder an den Brandabschnittstüren mit in die Alarmierung einbeziehen. Außerdem erhalten alle Nachtlaboratorien einen Brandmelder. Für die Alarmierung wird es mehrere Optionen geben: Es kann bereichsweiser und kompletter Alarm ausgelöst werden und die Signalhörner können so angesteuert werden, dass Sie 2 verschiedene Töne aussenden. Wie sollen wir diese Optionen nutzen? Ein Ton für Alarm, den anderen für die Entwarnung? Oder ein Ton für die Kompletträumung, der andere für einen bereichsweisen Alarm? Oder ein Ton für Feueralarm, den anderen für eine Art Giftgasalarm? Die Diskussion über dieses Thema gerät erst einmal in den Hintergrund, denn die beauftragte Firma kündigt den alsbaldigen Baubeginn an. Nägel mit Köpfen müssen gemacht werden, also jetzt noch einmal zusammen mit der Firma und unserer Betriebstechnik durch alle Räume gelaufen und für jeden einzelnen Raum festgelegt, ob ein Rauchmelder oder ein Signalhorn erforderlich ist und wenn ja, wo genau das installiert werden soll. Unsere Füße erfahren leidvoll, dass wir so etwa 80 bis 100 Räume pro Etage haben und davon gleich drei Stück und ein Kellergeschoss noch dazu. Wir gucken ein wenig sorgenvoll den Herrn von der Betriebstechnik an, der ja letztendlich für das Bezahlen der Rechnung zuständig ist. Gott sei Dank: Er nickt so gut wie immer zustimmend. Manche Probleme sind schwer zu lösen. So hat das Müllhaus zwei große Türflügel, um die Müllcontainer ins Freie zu rollen. Wenn die Müllabfuhr kommt, stehen die Türen längere Zeit offen, egal, bei welchem Wetter. Der freundliche Herr von der Installationsfirma erklärt, dass dies Gift für die normalen Rauchmelder sei und bietet einen Hitzesensor als Alternative an. Wir sträuben uns dagegen, weil der erst Alarm schlägt, wenn der Müll schon lichterloh brennt. Wir entdecken, dass auch das Müllhaus über Zu- und Abluftkanäle verfügt. Das eröffnet die Möglichkeit, einen Abluftkanalmelder vorzusehen. Bald nach diesen letzten Planungen beginnen die eigentlichen Arbeiten. Die Institutsmitglieder bekommen relativ wenig mit. Ein kleiner Trupp bohrt mal hier und hebt mal dort eine Deckenplatte hoch. Das einzig nennenswerte, was man zu sehen bekommt, sind manchmal die während der Mittagspause kurz an irgendeiner Stelle herrenlos von der Decke herunter baumelnden roten Kabel. Wir bekommen Hochachtung vor den Installateuren, die ganz offensichtlich genau wissen, wo jedes dieser unzähligen Kabel seinen Anfang und sein Ende hat. Ganz unspektakulär befinden sich dann plötzlich in den vorgesehenen Räumen auch die Alarmhörner. Alles ist übrigens bei laufendem Betrieb der alten Alarmanlage passiert, so dass es keinen Zeitpunkt gab, an dem das Institut ohne Alarmierungsmöglichkeit gewesen wäre. Schließlich ist alles fertig und es finden Schallpegelmessungen statt. Dies ist ein wenig ärgerlich: Zwar hat man dies auf den späten Abend verlegt, aber diese Proben sind nicht angekündigt und der universitäre Betrieb ist um 21:00 nicht immer zuverlässig völlig zum Erliegen gekommen. Schließlich wird plötzlich an einem späten Sommernachmittag Alarm ausgelöst. Viele denken erst: Mein Gott! Schon wieder so ein Test. Aber diesmal ist es Ernst. Eine Chlorwasserstoffdruckgasflasche ist undicht und jemand hat den Räumungsalarm ausgelöst. Es dauert nur ein paar Minuten, bis alle begreifen, dass dies kein Ausprobieren ist. Der Erfolg dieser neuen Anlage ist überwältigend: Der Alarmton ist dermaßen nervig und ohrenbetäubend, dass es auch dem größten Ignoranten vollkommen unmöglich ist, das länger als 5 Minuten auszuhalten. Die Räumung des Hauses gelingt demzufolge rasch und lückenlos. Am nächsten Tag schrauben die Monteure schon wieder an den Alarmhörnern herum: Es sei an manchen Stellen immer noch nicht laut genug. Deswegen müssen u.a. weitere 40 Alarmhörner nachgerüstet werden. Du lieber Himmel. Wie ist das eigentlich mit den Feuerwehrleuten, die berufsmäßig dauernd in solche schreienden Gebäude rennen müssen? Haben die alle einen Gehöhrschaden oder stecken die sich beim Einsatz "Ohropax" in die Ohren? Inzwischen ist die Alarmanlage schon längere Zeit unauffällig, aber wachsam im Betrieb. Wir kommen allmählich auch mit der personellen Organisation in die Gänge. Die Anlage ist so geschaltet, dass jeder Alarm zunächst einmal "still" in der Leitwarte der FU aufläuft. Räumungsalarm, also das Ingangsetzen der Hörner erfolgt grundsätzlich von Hand. 2 Personen des Instituts haben der Leitwarte ihre Telefonnummern bekanntgegeben, so dass diese im Ernstfall zurückrufen kann. Zusätzlich ruft die Leitwarte grundsätzlich auch beim Hausmeister zurück. Dieses Verfahren hat sich bereits anlässlich eines harmlosen Papierkorbbrandes, den wiederum die Alarmanlage zielsicher detektiert hat, bewährt. Egal, ob kleiner Papierkorb oder großes Labor: Bei Feueralarm fahren alle Fahrstühle augenblicklich ins Erdgeschoss und bleiben dort unbeweglich mit offenen Türen stehen. Wir haben genormte Laufkarten, die schnell und eindeutig den Weg zu der Stelle zeigen, an der der Alarm ausgelöst wurde. Brandschutzobleute sind in der Lage, einen speziellen Safe zu öffnen, in dem sich ein Generalschlüssel befindet, mit dem sich die Feuerwehr Zutritt zu allen abgeschlossenen Räumen verschaffen kann. Naja, nicht ganz zu allen, denn ausgerechnet der Raum, in dem der brennende Papierkorb stand, gehörte zu einem anderen Schließsystem, weshalb der Brand erst gelöscht werden konnte, als der gesamte Bürobereich gründlich verrußt war. Man muss wohl alle Fehler, die es gibt, erst mal machen ... Jedenfalls packen wir jetzt auch noch einen Generalschlüssel dieses Schließsystems mit in den Safe. Jedenfalls gibt es für Brandschutzobleute und auch jeden anderen, der mit der Situation fertig werden muss, eine Checkliste für den Ernstfall mit allen ev. notwendigen Telefonnummern. Wir versuchen, Wartungstermine, bei denen die Alarmanlage testweise in Betrieb genommen werden muss, mit einem Training der Brandschutzobleute zu verbinden, damit diese die Alarmanlage im Ernstfall sachgerecht bedienen können. Notfalls kann man das auch prima zwischendurch machen, weil die Anlage sich zu Trainingszwecken auch stumm schalten lässt. Wir können also am hellichten Tag der Leitwarte einen Probealarm ankündigen, damit die nicht die Feuerwehr holt, dann in aller Ruhe und ohne dass irgendjemand etwas davon merkt, etwas an der Anlage ausprobieren, dann alles wieder in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen und bei der Leitwarte die Übung für beendet erklären. Selbstverständlich werden solch tiefe Eingriffe in das System nur vom "Oberbescheidwisser" vorgenommen. Wir haben allmählich das Zutrauen, auch gefährlichere Situationen beherrschen zu können. Noch einmal eine Räumungsübung? Eigentlich brauchen wir das gar nicht mehr, denn wie schon gesagt: Den Alarm hält niemand freiwillig länger als 5 Minuten aus!
2008... und so lebten wir glücklich und zufrieden - leider nicht bis ans Ende aller Tage. Denn inzwischen hatten wir Computer - und weil die alle so schön vernetzt sind, hatten wir kilometerweise Kabel in die Zwischendecke eingezogen. Im Jahr 2008 fiel auf, dass sich dadurch die Brandlast in der Zwischendecke unzulässig erhöht hatte. Weil nach einem vierteljahrhundertjährigem Bestehen des Hauses dieses Mal jemand nachgeguckt hatte, der ganz besonders viel Ahnung hat, wurde zusätzlich ermittelt, dass die Zwischendecke nicht ganz so sehr gegen Brand, sondern eigentlich besser gegen akustische Probleme schützt. Uns dummen Chemikern hatte man das damals halt als Brandschutzdecke angedreht. Ein übler Baupfusch also und natürlich jetzt keine Reklamationsmöglichkeit mehr. Plötzlich war also sowohl eine zeitnahe Kernsanierungsforderung auf dem Tisch sowie die bauaufsichtlich erzwungene Maßnahme, als provisorische Sofortverbesserung auch die Zwischendecke mit Rauchmeldern abzusichern. Monatelang waren also wieder Handwerker im Haus tätig, die alle paar Meter Rauchmelder in die Zwischendecke einbauten. Weil die gerade neu beschaffte Anlage so viele Melder nicht verkraften konnte, war also gleich auch nochmal eine neue Brandmeldezentrale notwendig. Die ist nun so geschaltet, dass sie automatisch einen Räumungsalarm auslöst, wenn einer der Rauchmelder übles detektiert. Leider lösen die Rauchmelder manchmal aus Versehen einen Alarm aus. Die Institutsmitglieder üben jetzt also mit schöner weit unterjähriger Regelmäßigkeit unfreiwillig Räumungsalarme. Wichtigstes Notfallutensil der Brandschutzobleute sind nicht mehr Megaphon und Absperrleine, sondern eine Leiter, mit der wir 4 Minuten Zeit haben, den auslösenden Melder zu identifizieren und die entsprechende Deckenplatte anzuheben, um festzustellen, dass es sich mal wieder um blinden Alarm handelt. Die Institutsmitglieder räumen das Haus zum Teil schon etwas widerwillig. 200 Meter entfernt lockt eine Apotheke mit Ohropax-Schachteln, mit denen man es möglicherweise bei Alarm ja auch im Institut aushalten könnte. Immerhin gibt es statistische Häufungen bei den Fehlalarmen bei bestimmten Meldern, so dass wir guter Hoffnung sind, nach einigem Hardware-Austausch auch mal wieder etwas länger ungestört im Haus arbeiten zu können.Der Bericht wird fortgesetzt.
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