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Letzte Überarbeitung: 31.01.2011

 

Sind kmr-Stoffe in Praktika zulässig?

Es ist immer schön, wenn es auf einfache Fragen auch einfache Antworten gibt. Das ist hier leider nicht der Fall. Sie dürfen grundsätzlich schon, aber Sie haben nach der TRGS 526 die Stoffe mit der geringsten Gefährdung einzusetzen, die dem Lehrzweck genügen. Es gibt also einen weiten Ermessensspielraum. Die neuen Bachelor-/Masterstudiengänge zwingen zur Einhaltung der Regelstudienzeit und verbieten eine Überfrachtung der Lehrinhalte. Das ist zu begrüßen! Ehrlichkeit bei der Abrechnung, was man Studierenden an Leistung zumuten kann, hat aber fast überall dazu geführt, dass man kräftig kürzen musste - vor allem auch am Umfang der Praktika. Die dadurch verlorengegangene Routine kann nicht anders als durch stärkere Strukturierung aufgefangen werden. Jeder Dozent muss die Lehrinhalte der vorausgegangenen Semester kennen und darauf aufbauen. Die Selbstherrlichkeit bei der Definition der Lernziele der eigenen Lehrveranstaltung ist nicht mehr zeitgemäß. Modulbeschreibungen sind ein gutes Mittel, solche Lernziele zu definieren.

Am Ende muss der Absolvent alles können, was im Berufsleben von ihm verlangt wird. Sehr krass wird dieses Problem am Beispiel des Lehramtsstudiums deutlich: Lehrämtler haben in der Regel 2 Fächer plus Didaktik plus Erziehungswissenschaft, können also für jede Fachwissenschaft nur ein Bruchteil von dem aufwenden, was die "richtigen" Chemiker für ihr Fach investieren. Mehr als kleine Schnupperpraktika sind da nicht drin. Trotzdem dürfen natürlich(?) auch Lehrer an Schulen mit kmr-Stoffen hantieren. Die Pikrinsäure-Affäre des Jahres 2008, bei der zahllose Chemielehrer "plötzlich" Pikrinsäure in ihren Chemikaliensammlungen entdeckten, die aufgrund des jahrelangen Desinteresses vielleicht zum Teil auch etwas eingetrocknet war, was aber nicht die fachkundige Auffrischung mit neuem Wasser sondern nur die Assoziation "Bombe" und "Feuerwehr" zur Folge hatte, geben der Vermutung Raum, dass an Schulen gelegentlich vielleicht doch ein gewisses Missverhältnis zwischen Laborpraxis und Gefahrstoffbestand herrscht. Für die Lehrerausbildung kann hier nur der ratlose Tipp gegeben werden, dann in den Praktika eben Wunder zu vollbringen.

Für das Fachstudium gestatten die Bachelor-Masterstudiengänge mehr Differenzierungen als früher. Der theoretische Chemiker, der später nur noch vor dem Computer sitzt, braucht dazu sicher nicht die Fähigkeit, mit einem Teufelszeug praktisch umgehen zu können. Er ist dann allerdings auch speziell und nur für die Computerchemie qualifiziert. Spezialisierungen und der damit verbundene Zeitgewinn für das Vertiefungsfach geben andererseits Raum bei einer präparativen Ausrichtung Kenntnisse zum Umgang mit Problemstoffen entsprechend intensiv zu erlernen. Forschungspraktika mit der dort üblichen 1:1-Betreuung sind vom Grundsatz bestens dazu geeignet, auch Strategien zum Umgang mit neuen unbekannten Stoffen zu erlernen.

Mit anderen Worten: Sie müssen ein Konzept haben. Vor nichts Halt zu machen ("Das haben wir früher schließlich auch alles ausgehalten") wäre verantwortungslos. Genauso verantwortungslos wäre es aber, hysterisch auf alle Totenkopfstoffe zu verzichten, wenn dadurch für das Ausbildungsziel, dass die Studierenden am Ende des Studiums auch mit diesen Stoffen sicher umgehen können sollen, ein Semester Praktikumszeit sinnlos verplempert wird. Das Abschlusszeugnis ist ein Qualifikationsnachweis und das Überreichen desselben nicht mit einem weiteren Erwerb von Qualifikation verbunden. Es macht also nicht "Klick" im Kopf des Absolventen, wenn er das Zeugnis erhält und er kann dann also nicht etwas, was er in der Ausbildung nicht gelernt hat. Haben andererseits Nebenfächler später nicht in einem Maß mit kmr-Stoffen zu tun, welches eine entsprechende Schulung notwendig macht, müssen (=sollen) solche Stoffe auch nicht im Praktikum eingesetzt werden.

Der Bachelorabschluss ist definitionsgemäß berufsqualifizierend - und in der Regel findet im Bachelorstudiengang noch keine starke Differenzierung statt. So ein bisschen etwas an Erfahrung mit problematischen Stoffen sollte der Bachelorabsolvent deshalb ruhig schon drauf haben. Es gibt ja auch bei den kmr-Stoffen Unterschiede. Benzol empfiehlt sich z.B. als ein Stoff, bei dem man niemand erklären muss, dass es krebserzeugend ist, das weiß jeder Fernsehkonsument. Freigesetzt verfliegt es restlos, kann also nicht in Ritzen oder aufsaugenden Materialien ewig persistieren und so über die Jahre die Gefährdung bis hin zur Unbenutzbarkeit der Räumlichkeiten oder der Geräte aufschaukeln. Obwohl gut untersucht sind die Bewertungen der Wirkungsstärke nicht immer einheitlich - stets handelt es sich aber um lange - meist lebenslange Expositionen. Die GESTIS-Stoffdatenbank gibt für Benzol ein Leukämierisiko von um die 10 % bei einer täglichen Exposition von 10 ppm über 45 Jahre (das ist die Lebensarbeitszeit vom 20. bis zum 65. Lebensjahr) an, bei einer täglichen Exposition von 1 ppm über den gleichen Zeitraum sind es etwa 1 %. In einem mittelgrößen 35 m2-Labor mit 6-fachem stündlichen Luftwechsel erreicht man eine Exposition von 1 ppm, wenn man täglich 20 ml Benzol in den Raum hinein verdampfen lässt.

Benzol hat einen so hohen Siedepunkt, dass es mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen in einem regelgerecht funktionierenden Abzug praktisch expositionsfrei gehandhabt werden kann. Man kann das mit eigenen Messungen leicht untersuchen. Dies ist kein Plädoyer, Benzol wieder zum Umkristallisieren zu verwenden, aber warum nicht in einer "echten" Reaktion, z.B. nach Friedel-Crafts? Wenn Sie Benzol nicht mögen, kann es gern auch ein anderer Stoff sein, es ist hier nur ein Beispiel dafür, welche Überlegungen bei der Auswahl eine Rolle spielen können.

Bei der Gefährdungsbeurteilung sollte man nicht einen Tunnelblick in Richtung kmr-Stoffe haben. Es gibt auch akut toxische Stoffe, die bekanntlich sofort töten und nicht erst nach Jahren. Acrolein ist zum Beispiel als ein extrem leichtflüchtiges, hochgiftiges Inhalationsgift vielleicht etwas, was man nicht unbedingt schon in ein Praktikum des Bachelorstudiengangs packen muss. Soll es ein kmr-Stoff im Praktikum sein, müssen die dafür notwendigen personellen Betreuungskapazitäten vorhanden sein.

 
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