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AssistentenAssistenten kommen zu ihrem Job wie die Kuh zum Kalb. Mit viel Fachwissen aber ohne jede Lehrqualifikation. Die soll im Gegenteil durch die Assistententätigkeit erworben werden. Es gilt als Bewerbungsvorteil, wenn Absolventen während Ihrer Promotionstätigkeit einen Assistentenjob hatten. Mit der Begrifflichkeit "Learning by doing" wird es beschönigt, dass also die Studierenden die Versuchskaninchen für die Mitarbeiter sind, die bei dieser Gelegenheit ausprobieren, wie sie es anstellen müssen, damit die Praktikanten tun was die Assistenten wollen.Es ist nicht so, dass das immer schief gehen würde. Etliche haben es von Beginn an eben einfach gut drauf. Andere aber sind unsicher und der neuen Rolle (noch) nicht gewachsen. Unsicherheit führt dazu, dass der Job mit starren Regeln ausgeübt wird oder die Erinnerung an das jahrelang selbst erlittene studentische Leiden verblasst rasend schnell neben den neuen eigenen Interessen ("Punkt 5 ist Feierabend!"). Der Erfolgsdruck in der Forschung ist schließlich so groß wie nie zuvor! Und schon gelten die Assistenten unter den Praktikanten wieder als arrogant! Keine guten Voraussetzungen, sich an so einen Assistenten vertrauensvoll mit der Bitte um Hilfestellung zu wenden. Neue Assistenten in einem präparativen Praktikum haben sich meist von einem Tag auf den anderen die Kenntnis über vielleicht 50 bis 150 Versuche anzueignen. Auch mit Assistentenmanual ist das ein gewaltiges Pensum. Der Reaktionsmechanismus ist in einem Grundpraktikum schnell verstanden. Aber was ist, wenn ein Praktikant nachfragt, ob es OK ist, dass sein Reaktionsansatz grün und der Ansatz vom Nachbarn braun aussieht und was denn nun richtig ist, obwohl beide es genau gleich (!!!!) gemacht haben? Neue Assistenten werden zu nicht mehr als Standardhinweisen in der Lage sein. ("Mach' mal ein DC!") Der Zwang zur Einhaltung der Regelstudienzeit beschneidet die Praktikumszeiten bis zur Schmerzgrenze. Verglichen mit dem Studium vor 20 bis 30 Jahren sind die Praktikumszeiten halbiert! Das hat Auswirkungen auf das, was Assistenten an Können mitbringen. Ausländische Doktoranden sind der Schmuck jeder Arbeitsgruppe, beweisen sie doch vorzeigbar die internationale Beachtung des Arbeitsgruppenleiters. Was aber, wenn Umfang und - mit Verlaub - auch (Sicherheits-)Standards der fremden Ausbildung den eigenen Verhältnissen nicht so ganz entsprechen? Es ist normal, dass heutzutage auch ausländische Doktoranden Praktikumsdienst schieben. Was aber, wenn die hinterlegten Assistentenmanuals nur in Deutsch vorliegen und die ausländischen Doktoranden perfekt Englisch sprechen aber Deutsch ein kleines bisschen weniger perfekt? Wie sichert man die Verständigung, wenn der Assistent perfekt Englisch spricht der Lehramtsstudent aber ein fleißiger eingebürgerter Russland-Deutscher ist, der akzeptabel Deutsch, fließend Russisch und auch noch Rumänisch spricht und als späterer Lehrer durchaus Chancen hat, auch ohne Englisch auf respektable Art die Pensionsgrenze zu erreichen? Ziel des Chemiestudiums ist nicht, die Studierenden zu Laboranten auszubilden. Das überwiegende Lehrangebot ist wissenschaftlich und deshalb für den Kopf. Chemie gehört aber zu den ganz wenigen Wissenschaften, bei denen die Fähigkeit zu eigenem handwerklichen Tun trotzdem auch irgendwie noch rüberkommen muss. Das gelingt nur mit extrem viel (Präsenzstudien-) Zeit, die so nicht (mehr) vorhanden ist. In einer Fahrschule wird man von einem Fahrlehrer angeleitet bis zur Prüfung. Die praktische universitäre Ausbildung ist eher so, als würde der Anfänger mit jemandem eine Zeit lang im Auto um die Häuser fahren und dann ziemlich schnell schon wieder dafür zuständig sein, anderen beizubringen, um die Häuser zu fahren. Ach ja, es gibt da ja noch die Verfechter des "selbständigen wissenschaftlichen Lernens", wobei man Praktikanten nicht mehr "alles vorkaut". Also steigt der anleitende Beifahrer nach 2 Häuserblocks aus und sagt dem lernenden Fahrer, er möge jetzt bitte alleine weiterfahren. Nach dieser Philosophie gilt es als ein besonderer Lernerfolg, wenn dabei nicht alles glatt geht sondern auch schon mal ein Kinderwagen umgefahren wird. Abgerundet wird das Geschehen durch die ausländischen Fahrlehrer, die daheim nicht immer Auto sondern alternativ vielleicht vielleicht Motorrad fahren gelernt haben und hier den Praktikanten aber auf Englisch ausschließlich das Auto fahren beibringen sollen. Zu negativ? Zu nestbeschmutzend? Wie kommt es dann, dass die Unfallkassen Kampagnen starten, Heat-Guns aus den Laboren zu verbannen, weil die Mitarbeiter "sich angewöhnt" haben, gern vor allem bei sehr großen Ansätzen, wenn dafür kein Heizbad passender Größe zur Verfügung steht, mit der Heat-Gun umzukristallisieren? Ist das Institut fast abgebrannt, heißt es eilfertig und devot: "Machen-wir-nich-mehr-machen-wir-nich-mehr-machen-wir-nich-mehr". Die "Machen-wir-nicht-mehr"-Sager sind aber in spätestens 3 bis 4 Jahren promoviert. Und dann sind schon wieder die neuen da, die - wissenschaftstypisch - alles ausprobieren und dann wieder feststellen: "Ey! Mit der Heat-Gun geht das wirklich super!" Was tun?Der Know-how-Erhalt ist bei universitätstypisch raschem Personalwechsel ein Riesenproblem. Dass Lernende mit eher moderater Erfahrung schon gleich wieder Lehrende werden ist nicht zu ändern. Es kann ja auch durchaus sein Gutes haben, wenn auf diese Weise nichts verkrustet sondern neue Ideen schnell implementiert werden können. Die Ideen sind nur eben nicht immer gut. Deshalb muss es für das Praktikum den "Oberfahrlehrer" geben, der nicht ständig wechselt und der über die Einhaltung von Standards wacht. Wer im Vorlesungsverzeichnis als Leiter des Praktikums vermerkt ist und sich dafür seine 2 Semesterwochenstunden auf das Lehrdeputat anrechnet, muss - bei äußerst konservativer Rechnung mindestens(!!) 30 Stunden pro Semester für das Praktikum aufwenden. Angemessene Tätigkeiten, die dabei zu absolvieren wären sind:
Praktika sind eingebettet in den Lehr- und Forschungsbetrieb des Instituts. Auch ein noch so guter Praktikumsleiter wird sein Praktikum nicht vollkommen losgelöst von den allgemeinen örtlichen Gepflogenheiten durchführen können. Ist der Forschungsarbeitsplatz der Assistenten so vollgekramt, dass die weiteren Gerätschaften notgedrungen auf dem Boden abgestellt werden, ist auch der Abzug bis auf die exakt für einen Magnetrührer benötigte Fläche zugestellt, gibt es fließende Übergänge zwischen undefinierbaren Kolbeninhalten, der Kaffemaschine und dem Schreibbereich und verzichtet der Assistent aus diesem Grund gleich ganz auf den Kittel oder verwendet einen, dem schon vor drei Wochen eine Waschmaschine gut bekommen wäre, ist die Wahrscheinlichkeit klein, dass er auch nach Ermahnungen im Praktikum einen guten Sicherheitsinstruktor abgibt, solange es nicht auch der eigene Arbeitsgruppenleiter ist, der an der Praxis Anstoß nimmt. Selbst wenn er auf Druck des Praktikumsleiters wenigstens im Praktikum einen (akzeptablen) Kittel trägt, hat er ein Akzeptanzproblem, denn die Praktikanten merken sehr schnell, wie es an dessen eigenem Arbeitsplatz zugeht. So gesehen geht die gute Ausbildung alle Institutsangehörigen an!
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