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Letzte Überarbeitung: 17.04.2012

 

Gefährdungsbeurteilung

Im modernen Arbeitsschutzrecht ist die Gefährdungsbeurteilung die Basis aller Arbeitsschutzmaßnahmen. Es ist geradezu trivial, dass - bevor man sich mit Schutzmaßnahmen befasst - sich zweckmäßigerweise zunächst einmal vergegenwärtigt, welche Risiken überhaupt bestehen. Im Laborbereich sind Sie vor allem durch das Arbeitsschutzgesetz und aufgrund der Gefahrstoffverordnung zu einer Gefährdungsbeurteilung verpflichtet.

Sie müssen sich daran gewöhnen, dass das Ergebnis der Beurteilung zu dokumentieren ist. Auch wenn das lästig ist und man schnell der Ansicht ist: "Das bringt doch alles nichts.": Der Aufsichtsbeamte, der Sie möglicherweise einmal aufsucht und wissen will, ob alles bei Ihnen mit rechten Dingen zugeht, will einen Beweis, dass Sie sich mit dem Problem beschäftigt haben und hat keine Lust, sich das Blaue vom Himmel herunter erzählen zu lassen. Jede Universität verfügt über eine eigene Sicherheitsabteilung, die dazu da ist und nur darauf wartet, Hilfestellung bei der Erstellung von Gefährdungsbeurteilungen zu leisten. Oft gibt es vorbereitete Formulare, die man nur noch ausfüllen muss. "Nur noch ausfüllen" heißt freilich nicht, dass Sie einfach nur "irgendetwas" hinzuschreiben brauchen. Wenn Sie mit kmr-Stoffen zu tun haben, liefert die Gefährdungsbeurteilung u.a. als Resultat, dass Sie bestimmte Verpflichtungen gemäß der Gefahrstoffverordnung haben.

Eine große Vereinfachung ist das 'intrinsiche Konzept' der BGI/GUV-I 850-0: Halten Sie die dort genannten Bedingungen ein, kann davon ausgegangen werden, dass auch mit giftigen Stoffen sicher umgegangen wird und individuelle Gefährdungsbeurteilungen entfallen können. Diese sind dann nur noch für die kmr-Stoffe notwendig. Es lohnt sich also, per allgemeiner Gefährdungsbeurteilungen zu untersuchen, ob man die Bedingungen der BGI/GUV-I 850-0 einhält, weil man in diesem Fall schon viel Beurteilungs- und Dokumentationsarbeit vom Tisch hat. In einem Praktikum würde das bedeuten, dass Sie eine Gefährdungsbeurteilung z.B. für die Standardprozedur "Herstellung von Präparaten" machen. Für den Umgang mit kmr-Stoffen machen Sie eine gesonderte Beurteilung, die z.B. ergeben kann, dass mit diesen Stoffen nur in ausgewiesenen Räumlichkeiten umgegangen werden darf.

Zur Gefährdungsbeurteilung gehört nicht nur die Ermittlung der Gefährdungsmerkmale der verwendeteten Stoffe, sondern auch die Beurteilung von Art und Ausmaß, in dem die Beschäftigten (=Praktikanten) den Stoffen ausgesetzt sind. Das staubende Pulver ist gefährlicher als Klumpen oder gepresste Pellets, das hochsiedende Öl mag als Dampf kaum in die Lunge geraten, persistiert aber dafür lange auf der Haut und wird dort möglicherweise gut resorbiert. Die volatile Flüssigkeit ist umgekehrt binnen Sekunden von der Haut abgedampft, findet dafür aber als Dampf leicht den Weg in die Lunge. Mit der Spritze durch ein Septum gestochen ist die Gefährdung geringer als wenn langwieriger offener Umgang notwendig ist. All das können (und sollen) Sie unter dem Begriff "Freisetzungspotential" ebenfalls ermitteln und protokollieren.

An der vorgefundenen Laborausstattung werden Sie so schnell nichts ändern können. Alte Holzabzüge sind durch das saugfähige Holz jedenfalls nicht mehr Stand der Technik und ein Linoleumboden mit allerlei Ritzen kann nicht so gut gereinigt werden, wie eine durchgehend glatte Fläche. Schwieriger schriftlich zu dokumentieren ist, was den Praktikanten zuzutrauen ist. Praktikanten sind deswegen noch Praktikanten und keine Mitarbeiter, weil sie noch nicht alle Arbeitsgänge zuverlässig beherrschen. Die Forderung, dass technische Maßnahmen Vorrang vor organisatorischen Mäßnahmen haben, gewinnt vor diesem Hintergrund besondere Bedeutung. Die ständige Ermahnung, dass Pumpenabgase in den Abzug zu leiten sind, ist fehlerträchtig, wenn die Praktikanten sich für eine irgendwo herumstehende Ölpumpe Schläuche, Kühlfalle und Manometer selbst zusammensuchen müssen. Gibt es hingegen einen fertigen Ölpumpstand mit fest (!) angeschlossenem Zu- und Abluftschlauch, ist die Fehlerquote erheblich geringer.

Bei der Verwendung von kmr-Stoffen droht nach der Gefahrstoffverordnung eine Messverpflichtung, die nur abzuwenden ist, wenn Sie den in § 5.1.7 der TRGS 526 genannten Forderungskatalog einhalten und in der Gefährdungsbeurteilung begründen, dass Arbeitsplatzmessungen zum Beispiel wegen nur sporadischer Verwendung der kmr-Stoffe keine Aussagekraft haben. Bei der inhaltsgleichen, aber um diverse Erläuterungen ergänzten BGI/GUV-I 850-0 hat sich die BG-Chemie für die wissenschaftlichen Labore noch ein wenig mehr ins Zeug gelegt und bei der Erfüllung des Forderungskatalogs nach § 5.1.7 kurzerhand das VSK bescheinigt.

Sie müssen für die Gefährdungsbeurteilung Ihr Praktikum in Augenschein nehmen und gucken, was dort passiert!

Einem Doktoranden "Machen Sie mal!" zu sagen, reicht nicht. Die Organisationsverantwortung ist undelegierbar. Wer Im Vorlesungsverzeichnis (beweiskräftige Unterlage!) als Verantwortlicher eines Praktikums genannt ist, kann das nicht nur als willkommenen Beleg für die Ableistung der Lehrverpflichtung nutzen sondern hält damit unabwendbar auch den Kopf für den ordnungsgemäßen Betrieb der Lehrveranstaltung hin! Das bedeutet nicht, dass Professor oder Habilitand zur Gefährdungsbeurteilung selbst Praktikumsdienst schieben muss. Die Studierenden beim Experimentieren zu beobachten ist die natürliche Aufgabe der Assistenten. Sich aber über deren Beobachtungen berichten zu lassen sowie stichprobenartig selbst nachzuschauen und dann - gern auch zusammen mit den Assistenten - Maßnahmen festzulegen, das bleibt Sache des Leiters. Hilfestellung für die Festlegung von Kriterien, nach denen die Gefährdungsbeurteilung erfolgen soll, erhalten Sie in einem gesonderten Katalog.

Gefährdungsbeurteilungen sind regelmäßig zu wiederholen, sowie immer dann, wenn es zu einem Zwischenfall gekommen ist. Das ist ganz natürlich: Sinn der Gefährdungsbeurteilung ist ja, dass auf deren Basis Schutzmaßnahmen festgelegt werden, die ein Risiko ausschließen. Kommt es dennoch zu einem Zwischenfall, so haben die Schutzmaßnahmen versagt und man muss also auf der Basis einer neuen Beurteilung die Maßnahmen so ändern, dass nach menschlichem Ermessen zukünftig Gefährdungen ausgeschlossen sind. Das Sicherheitsniveau soll sich so also immer weiter verbessern. Genau das ist freilich an der Universität ein großes Problem: Das Personal wechselt ständig und die Nachrückenden fangen in der Beurteilung immer wieder von vorn an. Die schriftliche Fixierung von Gefährdungsbeurteilungen bekommt vor diesem Hintergrund eine völlg neue Dimension!! ...

Kommt es in einem Praktikum zu einem Zwischenfall, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder hat der/die Praktikant(in) sich nicht an die Anweisungen gehalten oder wider die bereits erlernte gute Laborpraxis gehandelt und muss deshalb angehalten werden, sich zukünftig besser zu verhalten oder es stimmt mit den Sicherheitsmaßnahmen im Praktikum etwas nicht. Kommt der gleiche Fehler öfters vor, so liegt es auf jeden Fall an der Praktikumsorganisation. Niemand kann sich mit Aussagen herausreden wie: "Die Studenten können sowieso alle nichts."

 
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Als Folge des derzeitigen Wechsels von der bisherigen EU-Einstufung von Chemikalien auf das neue 'Global Harmonised System' gibt es auch in diesem Angebot im Augenblick ein Nebeneinander von Angaben nach beiden Einstufungen. Dem Grad der Umstellung folgend wird dieses Angebot immer wieder angepasst, wobei die alten Einstufungen zugunsten des GHS nach und nach verschwinden werden.
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