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Letzte Aktualisierung: 06.11.2000

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Implosion einer Vakuumdestillationsapparatur im vollbesetzten Praktikumslabor

 
Die Ersthelfer sind angewiesen, vor dem Labor abzuwarten, bis etwas ungewöhnliches passiert. Plötzlich ein schwacher Knall und dann ein lauter Fluch. Die in das Labor hineinlaufenden Ersthefer finden innen das totale Chaos vor: Das Labor ist mit Praktikanten überfüllt, die alle aufgeregt durcheinanderreden und herumgestikulieren. Eine völlig hysterische Person stellt sich sofort den Helfern in den Weg und beklagt sich bitter über die üblen Zustände im Praktikum. Auf die Frage, was passiert sei, kann sie jedoch keinerlei zweckdienliche Angaben machen. Trotzdem hat sie ein unstillbares Mitteilungsbedürfnis, weshalb die Ersthelfer sie schließlich mehr oder weniger unsanft zur Seite schieben müssen, um endlich an die Unfallstelle zu gelangen.

Rechts ein offener Abzug mit einer zersplitterten Apparatur, auf der Arbeitsfläche schwimmt irgendeine Flüssigkeit. Frontschieber schnell herunter! Vor dem Abzug stehen zwei Praktikanten, die selbst gerade versuchen zu begreifen, was jetzt eigentlich passiert ist. Die Hände zittern leicht, im Gesicht stecken Glassplitter. Gott sei Dank haben Sie Schutzbrillen getragen, die Augen sind also unverletzt. Die Verletzungen im Gesicht sind nicht so dramatisch. Die beiden Praktikanten werden angewiesen, nicht im Gesicht herumzufummeln und zu erklären was sie da gemacht haben. In der Apparatur ist offenbar etwas destilliert worden. Eine Pumpe ist angeschlossen und läuft noch. Aha, also Vakuum. Der Destillatkolben ist zersplittert. WAS ist da destilliert worden?? Einer der Praktikanten stammelt etwas von "Benzol oder so". Du lieber Gott! Das würde man eigentlich nicht im Vakuum destillieren. "Wo ist die Versuchsanleitung??" Dort ist schließlich zu lesen, das Benzylcyanid zu destillieren war. Tatsächlich findet sich im Abzug auch eine - allerdings jetzt leere Flasche mit der Beschriftung "Benzylcyanid". Die Sicherheitshinweise im Skript geben an, dass diese Substanz hochgiftig beim Einatmen ist. Das ist typisch für organische Cyanidverbindungen, die ein ähnliches Vergiftungsbild geben, wie reines Blausäuregas, allerdings mit einer teilweise beträchtlichen Verzögerung. Die Versuchsskripte gibt an, dass die Inhalationsgefahr trotzdem relativ gering sei, weil die Substanz hochsiedend ist und bei Raumtemperatur nur einen schwachen Dampfdruck hat. Aber kann man das in diesem Fall auch unterstellen? Schließlich ist sie destilliert, also heiß gemacht worden. Und können beim Zerplatzen der Apparatur vielleicht Aerosole entstanden sein? Zumindest die beiden mit den Splittern im Gesicht haben vielleicht etwas eingeatmet. Den Ersthelfern fällt auf, dass da noch einer so merkwürdig herumsteht und ständig seine Hände anstarrt, die ziemlich stark gerötet sind. Er hat zwar an einem anderen Abzug gearbeitet, sich aber wohl bei dem Knall so erschrocken, dass er sich ein heißes Heizbad über die Finger gekippt hat. Er macht einen weggetretenen Eindruck und muss sofort zum nächsten Wasserhahn gebracht werden, um die Handflächen zu kühlen. Es besteht Schockverdacht.

Auch die hysterische Person am Eingang wirkt plötzlich so seltsam ermattet. Und das Ausmaß der Cyanidexposition ist immer noch unklar. Also erst einmal alle raus aus dem Labor! In der Aufregung wird leider eine Praktikantein vergessen, die die ganze Zeit nur unnatürlich still in der Ecke gestanden hat. Ob sie auch einen Schock oder eine Verletzung hat, bleibt ungeklärt. Allein im Labor zurückgelassen, hindert sie niemand daran, jetzt konzeptionslos in den Scherben der Apparatur herumzustochern.

Draußen sehen sich die Ersthelfer gezwungen, sich um 4 Personen gleichzeitig zu kümmern: Die beiden mit den Splittern im Gesicht, der mit den verbrühten Händen und die hysterische Person. Bei den beiden letzteren ist der Fall klar. Kühlen der verbrühten Handflächen und Schockprophylaxe. Gott sei Dank ist der Redefluss der Hysterischen etwas zurückgegangen. Inzwischen ist schon der Notarzt verständigt worden. Wichtig sind jetzt die beiden mit den Glassplittern. Haben sie Vergiftungssymptome? Haben sie auch Chemikalien auf Haut oder Bekleidung abbekommen? Einer von ihnen hat im Augenblick des Zerknalls direkt an der Apparatur gearbeitet. Und tatsächlich: Er hat einen ganz nassen Ärmel. Verflixt! Die Helferin hat mitten hineingefasst und muss das Zeug jetzt schleunigst selbst von der Hand abwaschen, denn auch auf der Haut ist das giftig. Und natürlich muss der Kittel des Praktikanten so schnell wie möglich herunter und irgendwo abgelegt werden, wo er niemanden gefährden kann. Der Praktikant trug ein kurzärmliges T-Shirt, es muss also keine weitere Bekleidung abgelegt werden. Aber die betroffene Hautpartie ist - am besten mit Polyethylenglycol - gründlich zu reinigen. Weil auch die beiden unter Schock zu stehen scheinen, werden auch sie auf den Boden gesetzt oder gelegt. Die Hände zittern immer noch - oder sogar noch stärker. Beide sind immer noch unfähig, irgendeinen zusammenhängenden Satz zu sagen. Es ist kaum noch Platz auf dem engen Flur. Immer wieder die Ermahnung, bitte nicht im Gesicht herumzufummeln. Die Ersthelfer wischen kleine, das Gesicht herablaufende Blutrinnsale mit einem Zellstofftüchlein ab und reden die ganze Zeit mit den Opfern. Sie sind erleichtert, als der Stationsbetreuer endlich sagt: "OK, der Rettungswagen ist jetzt da." Natürlich war der Stationslaufplan so beschaffen, dass die einzelnen Übungsgruppen diesen Fall möglichst am Ende zu lösen hatten.

    
"Was ist denn passiert?"
"W..ww..weiß  nn...nicht...
P...ppl..ppplötzlich...h..h..hat's geknallt."


Vakuumapparatur mit zerplatztem Kolben.


Eigentlich sollten nur die blutenden Finger
versorgt werden. Aber was ist das?
Der Ärmel ist ja ganz nass!!
Jetzt hat nicht nur das Opfer die Chemikalie
auf der Haut, sondern auch die Ersthelferin.


Umgerissenes Heizbad


Die verbrühten Hände werden mit Wasser gekühlt.


Wundversorgung


Auch die anfangs Hysterische hat jetzt
Schockanzeichen.


Nach der Übung die Besprechung

 


Materialien:
Alle Abzüge des Labors werden mit Apparaturen möglichst unterschiedlicher Art vollgestellt. Durch (sparsamen) Einsatz von farbigen Salzlösungen und verdünnter Soja-Sauce werden möglichst realistische Reaktionsansätze simuliert. Salzkrusten eingetrockneter Lösungen hier und da und einige verschmutzte Zellstofftücher lassen die Arbeitsflächen so aussehen, als wäre nicht immer überall sachgerecht experimentiert worden. Den zersprungenen Destillatkolben der Vakuumapparatur kann man aus fast jedem Glasabfalleimer im Labor beschaffen. Das Schliffstück wird an die Apparatur angeschlossen und die Scherben auf der Arbeitsfläche verteilt. Das Benzylcyanid wird durch Glycerin simuliert, welches auf die Arbeitsfläche gekippt wird. Auch bei dem verschütteten Heizbad wird Glycerin verwendet. Eine leere Flasche wird mit der Aufschrift "Benzylcyanid", dem Warnsymbol T+ sowie den vorgesehenen R-/S-Sätzen etikettiert und neben die Vakuumapparatur gestellt. Am Eingang wird ein Schild mit der Aufschrift: "Kein wahrnehmbarer Geruch" angebracht. Die ins Gesicht geklebten "Glassplitter" bestehen aus kleinen Stückchen durchsichtigem Kunststoff.

Bemerkung:
Wir wollten noch ein i-Tüpfelchen draufsetzen, indem eine vom Betreiber alleingelassene Apparatur während der Rettungsaktion plötzlich übersprudeln sollte. Gedacht war an eine überkochende Wasserdampfkanne. Der Effekt war allerdings nicht besonders ausgeprägt. Vor allem setzte das Überkochen nur langsam und zeitlich unberechenbar ein. Auch mit kunstvollen Konstruktionen ließ sich zudem nicht ausschließen, dass die Heizplatte wegen der Nässe schließlich einen Kurzschluss produzieren würde. Dieser Versuch wurde deshalb eingestellt.