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Sichere Beheizung von Laborapparaturen
Welche Heizquelle würden Sie bei den folgenden Laboroperationen
verwenden?
- Umkristallisieren von Naphthalin in Ethanol.
- Vakuumdestillation von Benzaldehyd.
- Nitrierung aromatischer Verbindungen mit Salpetersäure.
- Absolutieren von Toluol durch Kochen über Natrium.
- Rückflusskochen von Reaktionslösungen, bei
denen harzige Niederschläge entstehen.
Ist das egal? Keineswegs!
Was sind die Probleme?
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Im Falle eines Kolbenbruchs darf es nicht zu heftigen Reaktionen
oder Bränden kommen. Dazu gehört es zum Beispiel, dass
eine ev. verwendete Badflüssigkeit nicht heftig mit der Reaktionsmischung
reagiert.
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Zur Vermeidung von Kolbenbrüchen sind thermische Spannungen
des beheizten Kolbens möglichst zu minimieren.
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Kocht etwas über oder ist früher schon mal etwas übergekocht, dann
hat die Heizquelle in der Regel etwas abbekommen. Das kann zu wenig erwünschten
Stromflussrichtungen führen.
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Bei nicht mit Wasser mischbaren Bädern führt der
Zutritt von Wasser - z.B. durch einen abgerissenen Kühlwasserschlauch
- bei höheren Temperaturen zu einem heftigen Verspritzen
der Badflüssigkeit.
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Die Beheizung muss so schonend sein, dass die Reaktionsmischung
nicht verdorben wird.
Problemlösungen
Pilzheizhauben oder Bad?
Pilzheizhauben sind aus folgenden Gründen beliebt:
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Der Reaktionskolben bleibt außen sauber. Man muss also hinterher keine
Badflüssigkeit abputzen.
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Hebebühnen können selbst dann noch verwendet werden,
wenn sie schon etwas ausgeleiert, also so kipplig sind, dass
Behälter mit Badflüssigkeiten schon gefährlich
darauf schwanken würden.
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Es gibt keine Badflüssigkeit, die verdrecken kann, verschüttet werden kann
oder die sich infolge einer Überhitzung entzündet.
Nachteil der Pilzheizhaube
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Der Wärmefluss unterliegt keiner Temperaturkontrolle! Jedes Bad hat bei einer bestimmten
Leistung eine bestimmte Temperatur. Nicht so die Heizhaube. Wie heiß es wird, hängt
allein von der Wärmeableitung ab. Unterbindet man diese, so kann man das Glas mit dem
Heizpilz bis zum Erweichen erhitzen! Abbildung 1 zeigt
einen Kolben, der im evakuierten Zustand im Heizpilz aufgeheizt wurde. Man erkennt deutlich,
dass das weich gewordene Glas durch das Vakuum nach innen gezogen worden ist.
Abbildung1
Auch wenn die Bedingungen weniger drastisch sind, kann der Wärmefluss gehemmt, vor allem
örtlich unterschiedlich sein und so Spannungen
im Kolben verursachen. Abbildung 2 zeigt dies für 2 verschiedene
Fälle.
Abbildung 2
In der Apparatur 1 behindert ein lokal an der Kolbenwand haftender
Niederschlag den Wärmefluss. In der Apparatur 2
enthält der Kolben nur am Boden kühlende
Flüssigkeit, wärend die ungekühlten
Seitenwände stark aufgeheizt werden. Um das zu verhindern, sind bei manchen
Pilzheizhauben die Heizflächen horizontal in verschiedene,
per Stufenschalte separat schaltbare Heizzonen eingeteilt. Zum
Laboralltag gehört es aber, dass die beigepackte Betriebsanleitung
im allgemeinen schnell verlorengeht.
Nutzern von Heizpilzen ist deshalb meist nicht klar, welche Zone(n) bei
welcher Schaltstufe aufgeheizt wird (werden).
Weitere Nachteile der Pilzheizhaube
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Da sich die beheizte Fläche des Kolbens schlecht oder gar nicht regulieren lässt,
Kommt es bei Reaktionen häufig zum ausbeutemindernden Anbrennen von Substanz an der
Kolbenwand. Es ist z.B. so gut wie unmöglich, Umkristallisationen unter Verwendung eines
Heizpilzes durchzuführen, da sich an den überhitzten Kolbenwänden die
umzukristallisierende Substanz niederschlägt.
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Standard-Pilzheizhauben sind extrem anfällig gegen
Fehlerströme, die entstehen, wenn Substanz
in das Heizgewebe eindringt. "Sprazzeln" oder sogar Durchbrennen sind die Folge. Zwar kann man
Heizpilze in der Regel auswaschen - nur muss es erst einmal jemand feststellen, dass dies
angezeigt ist. Für etwas mehr Geld kann man Sicherheits-Heizpilze kaufen, bei denen
das Heizsystem wasserdicht ist, um dadurch die Kurzschluss-
und die Isolationsfehler-Gefahr zu mindern.
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Ein Heizpilz, in den Chemikalien hineingelangt sind, emittiert danach bei Betrieb meist
entsprechende Dämpfe.
Durch die Verwendung von Heizpilzen bedingte Kolbensprünge
sind kein theoretisches Hirngespinst sondern können im Labor
- leider - immer wieder beobachtet werden. In der vom BUK (vormals BAGUV) herausgegebenen
Broschüre für Studenten "Sicheres Arbeiten in chemischen
Laboratorien" heißt es zu diesem Problem unter Ziff.
4.3:
"Direktes Beheizen im Luftbad ist mit Pilzheizhauben
möglich, jedoch nur zu empfehlen, wenn eine gleichmäßige
Temperaturverteilung gewährleistet ist, z.B. durch Rühren."
Sind Bäder denn nun besser?
Bäder vermeiden die genannten Nachteile von Heizpilzen weitgehend:
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Durch den vollflächigen Kontakt ist der Wärmefluss
günstig, dh. heißt die Heizbadtemperatur muss
nur unwesentlich höher sein als die im Inneren des Kolbens
benötigte Temperatur.
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Die Heiztemperatur - gemeint ist die Temperatur an der Außenwand
des Kolbens - ist regel- und limitierbar.
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Die beheizte Kolbenfläche ergibt sich eindeutig aus der
Eintauchtiefe in das Bad und kann variabel gestaltet werden.
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Bäder können - und sollen - so groß dimensioniert
werden, dass im Falle eines Kolbenbruchs der gesamte Reaktionsinhalt
vom Bad aufgenommen werden kann. Im Havariefall wird also die
Reaktionsmischung sicher aufgefangen. Ein Kontakt mit spannungsführenden
Teilen ist dann nicht möglich.
Was kann man gegen die Nachteile der Bäder unternehmen?
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Gealterte Bäder oder wacklige Hebebühnen kann man nur frühzeitig ersetzen.
Es ist nicht gesagt, dass dies ein Kostennachteil ist, denn auch der durchgebrannte Heizpilz
ist immer hin - endgültig.
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Als Behältnisse für die Bäder
gibt es im Handel Aluminiumtöpfe (Fa. Heidolph), die sich
passgenau auf einen Magnetrührer stellen lassen, ohne
dass ein Verrutschen möglich ist. Seitliche Henkel ermöglichen
ein sicheres Anfassen, ohne sich dabei zu verbrennen.
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Flammpunkte der Badflüssigkeiten sind in der Regel leicht recherchierbar. Für die
Badflüssigkeiten sind Einsatzbereiche zu definieren, bei denen eine Überhitzung
ausgeschlossen ist. Polyethylenglycol hat z.B. einen Flammpunkt von ca. 250 °C, ist also nach
den Richtlinien für Laboratorien bis 230 °C verwendbar. Für
die meisten Reaktionen ist das mehr als ausreichend.
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Wer es bei einer in der Hitze dampfendenden Heizbadflüssigkeit mit der Angst zu tun
bekommt, kann davon leicht eine kleine Probe entnehmen und sie in einer Bunsenflamme zu
zünden versuchen. Polyethylenglycol ist ein wenig hygroskopisch. Was da qualmt, ist meist
nur abdestillierendes Wasser.
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Paraffin- und sonstige Ölbäder entsprechen nicht mehr dem Stand der Technik. Die
"von früher" noch erinnerlichen Probleme mit in Brand geratenen Paraffinbädern oder
schlimmen Verbrühungen durch umherspritzende Badflüssigkeit, nachdem Wasser in das
heiße Bad getropft ist, gehören der Vergangenheit an. Heutzutage sind
wassermischbare Bäder Standard, bei denen auch weit oberhalb von 100 °C bei
Wasserzutritt nichts verspritzt. Dies entspricht den Bestimmungen der
Richtlinien für Laboratorien (4.6.6). Was beim Hineinspritzen
von Wasser in ein wassermischbares Bad passiert (oder besser gesagt: "nicht passiert"), können Sie
der Abbildung 3 entnehmen.
Abbildung 3: PEG-Bad, 150 °C, Aufsieden durch eingespritztes Wasser
Eine gut geeignete
Badflüssigkeit ist Polyethylenglycol, welches je nach Polymerisationsgrad bei
Raumtemperatur fest oder flüssig ist. Festes PEG hat Vorteile in einem Praktikum, da
wenigstens bei den kalten Bädern nichts verschüttet werden kann.
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Wassermischbare Badflüssigkeiten haben darüber hinaus
den weiteren Vorteil, dass benetzte Kolben leicht durch Abspülen
mit Wasser zu reinigen sind.
Nicht immer ist jedoch die Verwendung wassermischbarer Heizbadflüssigkeiten möglich, z.B.
wenn der Kolbeninhalt im Falle eines Kolbenbruchs gefähliche Reaktionen mit der
Badflüssigkeit eingehen kann. Wird dann z.B. auf Silicon ausgewichen, so sind Massnahmen zu
treffen, die ein Eindringen von Wasser in das heiße Bad verhindern. (z.B. Sichern von
Kühlwasserschläuchen mit Schellen)
Beispiele für Reaktionen, bei denen Polyethylenglycol als Heizbadflüssigkeit nicht
geeignet ist:
Alternativen zum PEG sind Silicon, bei der Verwendung von Natrium vor allem aber
WOODsches Metall: Fällt
Natrium in ein solches heißes Metallbad, so wird dieses augenblicklich
legiert. Glücklicherweise ist das Reaktionsprodukt meist
fest (die Mischung ist wohl nicht mehr eutektisch) und kann mit
der Pinzette herausgelesen werden. Das so erhaltene Material
ist selbst in der Bunsenflamme nur wenig reaktionsfreudig und hat daher alle
Brisanz des elementaren Natriums verloren. (Auch für brisante
Trockenmittel gilt im übrigen natürlich das Substitutionsgebot
des Par. 15(2) GefStoffV.
Elementares Natrium kann z.B. durch ungefärlichere
Natrium-Blei-Legierungen ersetzt werden.)
Quintessenz
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Reaktionsapparaturen aus Glas werden am gefahrlosesten in
Bädern erwärmt. Sofern möglich, sind wassermischbare
Badflüssigkeiten vorzuziehen.
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Eine universell geeignete Heizquelle gibt es nicht. Vielmehr
muss man für jeden Einzelfall entscheiden, welche Heizquelle
am sichersten ist. Praktisch wird man aber in den meisten Fällen
dem PEG-Bad den Vorzug geben können.
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Ob bei der gewünschten Betriebstemperatur Reaktionen zwischen
Reaktionsmischung und Badflüssigkeit möglich sind, muss
man nicht "abschätzen", sondern kann das in kleinen
Handversuchen experimentell überprüfen.
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Nicht immer ist die Entscheidung, welche Heizquelle am sichersten
ist, eindeutig, sondern vielmehr das Ergebnis einer Risikoabwägung.
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