Jedes Individuum ist von einer faktischen, objektiven Raumwelt umgeben, die Welt, wie sie der Naturforscher vorfindet. Doch nicht alles, nicht die gesamten, mannigfaltigen Kräfte der umgebenden Welt haben auch Wirkung auf die Seele. Den Ausschnitt, der tatsächlich auf den Menschen einwirkt, aber außerbewußt bleibt, nennt Jaspers Reizwelt und den engeren Kreis davon, das, was dem Bewußtsein gegenübertritt, gegenständliche Welt.
Bei der Betrachtung der Tierwelt lassen sich besonders deutlich die Differenzierungen der Reizwelten feststellen; so reagieren manche Wirbellose nur auf bestimmte chemische oder optische Reize, wobei sich die Rückwirkungen des Tieres, seine Wirkungswelt, auf einen weit größeren Teil erstreckt als es wahrnimmt.
So verschiedenartig wie die Welten der Tiere, bedingt durch ihre unterschiedliche Reizfähigkeit, so spezifisch ist auch für den Menschen das unmittelbar erlebte Weltbild, das der Ausgangspunkt für alle weiteren Veränderungen ist. Zwar ist die rein sinnliche Grundlage dieselbe, die Betonung jedoch individuell. Was ausgewählt, akzentuiert wird, hängt von der bisherigen Geschichte, dem gesamten Weltbild ab. Demnach könnte man hierbei von Wichtigkeitswelt, Bedeutungswelt, Interessenwelt sprechen.
Zusätzlich zu dem unmittelbar Erlebten, gleichsam dahinter, formen indirekte Quellen das räumliche Bild: Erinnerungen aus der eigenen Vergangenheit, Erfahrungen und Berichte anderer. Das sich so entwickelnde, geographisch-kosmische Weltbild läßt sich in zwei grundverschiedene Typen gliedern: den endlichen, griechischen Typus und den unendlichen, nach der Kopernikanischen Wende in der Astronomie besonders von Giordano Bruno entwickelten. Gegenüber des einen, begrenzten, wohlgeordneten Kosmos der Griechen mit der Erde in der Mitte und der sie umgebenden Schalen steht das Bild: "Im unendlichen Raum unendliche Welten". Durch die Erfahrung dieser Unendlichkeit, die sich in allem Sinnlichen auftut, wird sowohl der eigene Standpunkt als auch alles Sinnlich-Räumliche überhaupt relativiert. Es entstehen im Extrem Fragen wie die nach der möglichen Existenz anderer geistiger Welten außerhalb der unseres Planetens oder nach der Möglichkeit, daß die gesamte Menschheitsgeschichte ein erdgeschichtlich relativ kurzes Zwischenspiel im ewigen Fließen, Werden und Vergehen des Kosmos ist. Derartige Gedanken nehmen verabsolutiert den Charakter der Endlosigkeit an, die ewige Unabgeschlossenheit raubt dem Menschen den absoluten Ort. Doch dadurch, daß alles Endliche nicht nur herabgesetzt, sondern auch als Relatives im Ganzen geborgen ist, kann die Unendlichkeit Erfüllung erfahren. Die Bewußtmachung der Unendlichkeit des Kosmos kann an die Stelle einer metaphysischen, jenseitigen Welt treten, durch die Synthese von räumlichen und geistigen Unendlichkeiten wird der reinen Endlosigkeit entgangen.
Es ist bemerkenswert, daß trotz des Wissens um die Unendlichkeit des Raumes manche Menschen -oder in gewissen Situationen alle- erlebnismäßig in dem unmittelbaren oder dem endlichen Typus leben. Bisweilen kommt es sogar zu Symptomen wie Angst oder Beklemmungsgefühlen beim Anblick des Sternenhimmels, da dadurch das Gefühl der vertrauten Begrenztheit zerstört werden kann.
Diesen drei Typen des sinnlich-räumlichen Weltbildes (alles übergreifendes, unmittelbares Weltbild, endlicher, unendlicher Kosmos) stellt Jaspers eine zweite Typenreihe gegenüber, die nicht isoliert von der ersten gesehen werden darf, sondern sich aus der Betrachtung von einem anderen Blickwinkel heraus ergibt und die in ihrer Anlage im unmittelbaren Erleben bereits vorhanden ist: das naturmythische, das naturgeschichtliche und das naturmechanische Weltbild.
Zwar kann man sich vorstellen, daß die Ausbildung jener Typen in dieser Reihenfolge stattfindet, aber erstens geschieht die klare Trennung und wissenschaftliche Bearbeitung der drei Weltbilder erst rückblickend, vom naturmechanischen Standpunkt aus und zweitens sind die beiden "späteren" Typen vom naturmythischen Weltbild übergriffen und durchdrungen.