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1. Einleitung zum Kapitel Weltbilder

Weltbilder sind keine Existenzsphären wie Einstellungen und Geistestypen, sie sind an sich nichts Psychisches, sondern Bedingungen und Folgen der seelischen Existenz. Sie sind bloße Inhalte, die erst von den Kräften der Geistestypen aufgenommen zu Elementen des Lebens werden.

Das Weltbild ist die Gesamtheit der gegenständlichen Inhalte, die ein Mensch hat. Der Mensch ist darin, weil es ihm selbstverständlich ist, wie in einem Gehäuse teils gefangen, teils kann das seelische Leben das Bild auch aus sich erschaffen. Der äußerste Horizont scheint absolut, unüberschreitbar, das Weltbild - das nur ein Teil ist - wird für das Ganze gesetzt, aus dem man nicht herausspringen kann.

Bei der psychologischen Betrachtung ist es problematisch und paradox, daß man, da man selbst in einem Gehäuse lebt, aus diesem heraustreten muß, um alle Formen der Gehäuse zu überblicken. Dazu muß das eigene Gehäuse in Frage gestellt und als eine Möglichkeit unter anderen gesehen werden. Um einzelne Weltbilder als charakteristischen Typus zu erfassen reicht es nicht, sich äußerlich wissend Inhalte intellektuell anzueignen, sondern man muß sich innerlich verstehend in diese Gehäuse hineinversetzen. Die Schwierigkeit dabei ist, daß man immer wieder Voraussetzungen aus anderen Bereichen mit in die Betrachtung hineinträgt und für selbstverständlich hält, andererseits Vorhandenes übersieht, weil man vom eigenen Bild ausgeht. Man will das Betrachtete isolieren und verabsolutieren, doch man trübt den reinen Typus durch das, was man selbst mitbringt.

Bei der Betrachtung der einzelnen Bilder setzt man immer die Idee eines absoluten, allgemeingültigen, allumfassenden Weltbildes voraus oder zumindest die Idee eines hierarchisch geordneten Systems. Deshalb ist das besondere Weltbild perspektivisch auf das allgemeine, gleichsam ein Ausschnitt des ganzen. Sofern die Weltbilder Schöpfungen des Menschen sind, sind sie subjektiv, doch gleichzeitig wächst der Mensch mit jeder dieser Schöpfungen in das Allgemeine hinein und wird von ihm beherrscht, insofern ist jedes Weltbild auch objektiv.

Die psychologische Betrachtung ist also darauf angewiesen, vom weitesten, allgemeinsten Bild auszugehen, das der Zeit zugänglich ist. Sie findet dieses im philosophischen Denken, da es das Ziel der Philosophie ist, sich der Idee des absoluten Weltbildes anzunähern. Und dennoch bleibt der Betrachter in seinen eigenen Kategorien gefangen. Der eigene Ort, das eigene Denken bilden zunächst den absoluten Maßstab, den Mittelpunkt der Welt; die eigenen Interessen und Wertungen werden mit den allgemeinen, absoluten identifiziert. Dieses Gefangensein, das in einem späteren Kapitel, bei der Betrachtung der Gehäuse näher erläutert wird, kann vielleicht theoretisch, aber kaum lebendig überwunden werden.

Die Quelle, durch die der Einzelne zu seinem Weltbild kommt, wird von zwei Faktoren bestimmt und begrenzt. Erstens durch das, was ihm von außen aus Erfahrungen zuströmt, also an sich schon begrenzt ist und zweitens durch seine Auswahl, die von seinem Wesen, seinem Charakter abhängig ist. "Ein jeder sieht nur das, was ihm adäquat, ihm ähnlich ist".

Beim Versuch der Beschreibung eines individuellen Weltbildes ist der Gegenstand nicht das aktuelle, momentane und bewußte Bild, das sich ständig ändern kann, sondern das gesamte, der Person potentiell zur Verfügung stehende. Dieses Weltbild steht der Persönlichkeit nicht bloß formal gegenüber, sondern ist mit seiner Seele verwachsen und verwoben, auch wenn es nie vollständig bewußt vorhanden ist.

Jaspers differnziert drei Stufen der Verbindung des Weltbildes mit der Seele:

1. Die erlebte, mit der Seele verwachsene Welt, die nicht formuliert werden kann und nicht gegenständlich gewußt wird. Sie kann nur von außen beobachtet werden, der Erlebende weiß von ihr nichts. Sie ist dennoch sehr wirksam, sie ist das, was den Menschen in erster Linie ausmacht.

2. Die objektivierte, gewußte, vor den Menschen hingestellte Welt, die er formulieren kann, mit der er aber trotzdem verwachsen sein kann. Das unbewußt Vorhandene wird in einem fortwährenden Prozeß objektiviert und dem Bewußtsein, es sozusagen erweiternd, zugeführt.

3. Die bloß gewußte, nicht erlebte Welt. Sie bedeutet die Aneignung von Wissen, das nicht erlebt wird, dem man unter Umständen gar nicht gewachsen ist.

Diese drei Sphären des Weltbildes sind im Individuum zusammen vorhanden, sie durchdringen einander. Es ist jedoch möglich, daß eine davon mehr Gewicht hat.

Überwiegt die erste, die verwachsene, nicht gewußte Welt, so ist das Weltbild notwendigerweise eng, auf die sinnlich-räumliche Umgebung beschränkt. Der Horizont reicht nicht über die konkreten, individuellen Verhältnisse hinaus. Als Beispiel führt Jaspers das Heimweh, die Entwurzelung bildungsarmer Kinder vom Lande auf, die ihr Ich, ihre Seele verlieren, wenn sie, das Elternhaus verlassend, ihrer Welt beraubt werden.

Die Welt erweitert sich, wenn durch den Prozeß der Bildung der Anteil der gewußten, in die Allgemeinheit getretenen Welt sich vergrößert. Durch diese Erweiterung des Horizontes ist der Mensch nicht mehr nur allein auf den unmittelbaren, verwachsenen Teil seiner Welt angewiesen, jedoch kann er diese Sphäre nie ganz entbehren. Denn in dem Weltbild des bloß Gewußten, des nicht verinnerlichten Wissens steckt kein Leben, solange es nicht auch selbst erfahren wird.

Man kann in dieser Sphäre zwei Arten von nur angeeignetem Weltbild unterscheiden: Das Annehmen rein formaler Schemata und das unechte Leben in inhaltlich reichen Weltbildern. Im ersten Falle wird anstelle des eigenen Erlebens und Formens, der eigenen Ausbildung eines Weltbildes ein fertiges Schema gesetzt durch das die Dinge gesehen und in das sie eingeordnet werden. Dadurch sieht man selbst im Grunde nichts mehr.

Im zweiten Falle weiß man nicht nur um das Weltbild, sondern verhält sich so, als ob man wirklich in ihm existieren würde. Dies ist unecht, da das Weltbild nicht aus eigener Entwicklung entstanden ist.

Es ist jedoch möglich, daß aus dem bloßen Wissen um ein Weltbild ein Impuls der Erweckung und die Basis für Erfahrungen ausgehen, so daß das rein Formale erfüllt werden kann.

Jaspers faßt all die Prozesse, die das Weltbild der Seele erfährt als Differenzierungsprozesse zusammen. Dazu gibt es vier Punkte:

1. Der schon beschriebene Prozeß der Wandlung, Steigerung, Vermannigfaltigung des seelischen Lebens durch Bewußtmachung von im Erlebten schon vorhandenen Inhalten.

2. Die Ausbreitung der Auffassungs- und Erfahrungsfähigkeit, durch die auch immer neue Keime entstehen.

3. Der eigentliche Differnzierungsprozeß vollzieht sich in der Synthese von dem Streben nach der Fülle von Einzelnem und Individuellem einerseits und der Suche nach Beziehung und Totalität andererseits. Es besteht eine wechselseitige Beziehung zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen. Die Beziehung zum Ganzen bestimmt den Inhalt und die Inhalte bestimmen und verändern das Ganze. So wird mit der Entwicklung des Weltbildes als Ganzes auch die Auffassung des Einzelnen entwickelt.

4. Eine Stufenreihe in der Entfaltung von Weltbildern.

Zunächst die individuell zentrierte Welt, eingeschlossen in das sinnlich Greifbare im Räumlichen wie im Seelischen. Dann der Sprung hinter die Dinge, das bedeutet die Hinzunahme von Vergangenem und Erinnertem sowie von Ausblicken in die Zukunft. Und als dritte Stufe der Sprung zum Unendlichen.

Es liegt in der Natur der Unendlichkeit, daß man sie nicht direkt begrifflich erfassen kann. Die Unendlichkeit als gedachter Gegenstand wird selbst endlich, sie wird bloße Endlosigkeit, d.h. nur formal unendlich, inhaltsleer, nicht erfüllt. Die Unendlichkeit des Weltbildes bedeutet also, daß es unabgeschlossen ist, mit Richtungen, Ideen, Intensionen endet, immer im Fluß bleibt. Das endliche Weltbild entwirft sich gleichsam auf die Unendlichkeit, von der es umschlossen ist und aus der es immer wieder neue, ungegenständliche, noch zu entwickelnde Keime erhält.

Im folgenden wird nocheinmal die Dreiteilung in Subjekt, Objekt und Einheit von Subjekt und Objekt als Ganzes, Absolutes erwähnt, die wir ja schon erörtert haben. Man sollte vielleicht noch einmal festhalten, daß diese drei Sphären nicht getrennt sind, sobald ein Gegenstand betrachtet wird. Dieser Gegenstand ist gleichzeitig sinnlich-räumliches Objekt, verstehbarer Inhalt und damit zum Subjekt gehörend und drittens ist er eingebunden in das Ganze.

Es wäre möglich, mit den Mitteln der Logik die allgemeinen Formen des Gegenständlichen, die Kategorien, die für alles Gegenständliche gelten, zu isolieren. Dies beleuchtet aber mehr unsere Denkgewohnheiten, die Strukturen unserer Gegenstandsauffassung als es zu einer Charakteristik der Weltbilder in ihrer psychologischen Relevanz beiträgt. Diese Kategorien sind richtig, aber da sie abgelöste Formen sind, geht die Anschaulichkeit verloren. Eine formale Logik verliert die anschaulichen Inhalte der von ihr behandelten Gegenstände.


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