DAS VERSCHWINDEN DER SPILLINGE VON MARWITZ

Das Schlimmste aber war das plötzliche Verschwinden der Spillinge von Marwitz.

Es war in jenem Jahr, in dem es Szenen von Gewalt gab in deutschen Städten und un-gewöhnlich viel Pilze in den Wäldern. Es war an einem Sonntag Ende August, ein Sonntag ohne Eigenschaften, könnte man in Anlehnung an einen bekannten Roman sagen, ein Sonntag, an dem sich die Kinder langweilen, wie es in einem französischen Lied heißt, und nicht nur die Kinder. In der Stadt hielt uns nichts an diesem Nachmittag, die Luft war schwül und die Farben vermauschelt, wir hatten uns vorge-nommen, in einen unserer Lieblingswälder hinauszufahren und nach Pilzen zu sehen.

Und sollte es keine Pilze geben - eigentlich war es doch etwas zu trocken gewesen die letzten Tage - so war dort ein Bachgrund, dessen Kühle einen vielleicht gegen Abend erfrischen und einem die Kopfschmerzen ersparen würde.

Doch so weit kamen wir gar nicht. Gleich bei der Kreuzung hinter Summt war die Straße gesperrt. Ich hielt den Motor meines Wagens an und wir stiegen aus in eine un-heilvolle Stille, die nur ab und zu von einem kurzen scharfen Knallen auf-springender Ginsterschoten aus der Schonung linkerhand unterbrochen wurde. Die Luft war trocken und roch nach Asche. Der Wald hatte gebrannt, weiter hinten sah man rost-rote Gerippe von Föhren, die Borte des toten Waldes. Ein Forstarbeiter, der die Sperre bewachte und aufpaßte, daß niemand den verkohlten Wald betrat, starrte vor sich in den Sand. "Ein Jugendlicher aus dem Nachbardorf, fünfzehn Jahre", brummelte er, "hat sich zu sehr gelanggeweilt." Und ein Schulterzucken zum Kommentar. "Es könnte immerhin stimmen," sagte Magda, "das ist schlimm genug." Sie nahm mich am Arm. " Hier können wir nicht bleiben, laß uns woandershin fahren."

Ich fuhr zurück auf den Berliner Ring. Aus dem Radio dudelte Schlagermusik, die sich aufs Beste mit dem farblosen Himmel über der Autobahn vermählte, hin und wieder unterbrochen von Nachrichten, immer denselben Nachrichten schon seit dem frühen Morgen: In Rostock tobte die Meute gegen die Fremden, den dritten Tag jetzt, und ein Ende sei nicht in Sicht. Mir war idiotisch zu Mute, ich hatte kein Ziel, wo ich hätte hin-fahren wollen. Ich wußte, daá es sinnlos ist, auf die Welt wütend zu sein, so war ich wütend auf mich selbst, weil ich keinen Einfall hatte. Bin ich erst einmal wütend, kommen mir überhaupt keine Einfälle mehr. Aus dieser Falle rettete mich Magda: "Fahr die nächste raus. Wir fahren nach Marwitz. Erinnerst Du Dich - die Spillinge?"

Natürlich erinnerte ich mich: Marwitz bei Velten bei Henningsdorf bei Berlin. Marwitz, ein märkisches Dorf, entlang der Straße flach hingestreckt, die Höfe zur Straße hin mit Mauern aus gelbem Ziegel zugeknöpft oder aus späteren Jahren aus gestrichnem Blech, die Kirche etwas zurückgesetzt, so daß man sie von der Straße aus kaum sieht hinter Bäumen, keine Sehenswürdigkeiten, nicht schön nicht häßlich. Die Farben der Häuser zumeist gedämpft, alte Ziegel oder schmutzigbeiger Putz, einige auch schon neu gemacht, eine Spur zu hell, doch das hat sich inzwischen vermutlich ge-geben, der Getränkestützpunkt hieß inzwischen Center, über den Geschäften putzige gelbe Marquisen, die nicht passen wollten zur märkischen Bauweise. Wer hier nicht im Kuhstall oder in der Keramikbude weiter oben im Ort arbeitete, fuhr nach Hennings-dorf in die Stahlfabrik, mancher nach Berlin, das plötzlich nicht mehr aus der Welt war. Man kann Marwitz keinen Vorwurf machen, Marwitz ist ein Dorf wie jedes andere. Vielleicht heißt Marwitz auch gar nicht Marwitz. Jedenfalls ist Marwitz der Ort, an dem Magda ihre Lehre gemacht hatte. Sie kannte dort Weg und Steg und auch die Wiesen und Teiche hinterm Dorf, und den Friedhof, der etwas außerhalb nach Senzke hin liegt. Den hatte sie mir im Jahr davor gezeigt, damals hatten wir da die Bekanntschaft der Spillinge gemacht.

Die Straße hinter dem Friedhof ist gesäumt von Pflaumenbäumen wie so manche in Brandenburg. Darunter wucherte um jeden Stamm herum ein wildes Gestrüpp. Wir konnten uns zunächst nicht deuten, was es damit auf sich hatte, bis Magda darauf kam, daß aus den veredelten Obstbäumen, wurden sie nicht mehr beschnitten, die wilde Pflanze wieder ausbrach. Dies waren die Spillinge.

Laut Lexikon ein drei bis sieben Meter hoher Strauch mit zuweilen dornigen Zweigen. Was aber nicht im Lexikon steht: Daß es Gebirge von Büschen sind, die Höhlen bilden, verzweigte Höhlen, in die man hineinkriechen kann, in denen man unentdeckt bleibt, wenn ein Traktor vorbeifährt, und zusehen kann, wie die drei Mädchen mit ihren Fahrrädern die Höhe hochfahren, im Sand stecken bleiben, und aus nächster Nähe lauschen, wie sie zusammen kichern und ihre neunmalklugen Albernheiten aus-tauschen. Die Zweige dieser Büsche sind schwer von kleinen runden Früchten, kirsch-groß, ab und zu sind da auch kleine Dornen, das stimmt schon, vor allem aber sind da diese Früchte.

Zedler's altem Lexikon nach kann man drei Arten Spillinge unterscheiden: "den gemeinen wachsgelben, den halb gelb & rothen, den kleinen weißen". Bei Meyer's hin-gegen sind die kugeligen Früchte "gelblichgrün, blauschwarz". Stimmen tun die Ein-teilungen allemal nicht. In Wirklichkeit sind sie nämlich ganz verschieden - nach dem Jahr, nach dem Ort und je nachdem mit wem sie gehochzeitet haben. Mal stumpf von den Schlehen, mal leuchtend, alle Töne von blau und violett und rot sowieso, mal wie ein Truthahnei, mal glatt und wie aus einem Guß, mal sommersprossig wie Danièle und mal mit großen gelben Flecken wie sie die schöne Frau neulich in der U-Bahn am Hals hatte. Auch beim Namen kann man sich kaum einigen: Haferpflaume, Krieche, Kriechenpflaume, Spilling, Zipparte, alles durcheinander, und alles soll eins sein. Prunus domestica insistitia pomariorum. Oder vielleicht doch anders. Viel Aufwand, und am Ende stimmt schon längst nicht mehr, was in den Papieren steht.

Wir haben in Marwitz Stiegen und Kisten voll Spillinge mitgenommen, so viel wir weg- bekamen, denn sie gehörten dort keinem außer dem, der sie mochte, am Besten aber steckt man sie doch gleich in den Mund. Spillinge sind süß, so wie Mirabellen und doch wieder anders als Mirabellen. Das süße Fleisch läßt sich nur schwer vom Stein lösen. Wir hatten da gesessen und uns vollgestopft, bis wir nicht mehr konnten, wir hatten ge-lacht und um die Wette Steine gespuckt und waren zufrieden gewesen. Und schnapsen kann man Spillinge obendrein.

Ein Wiedersehen mit den Spillingen war also eine durch und durch tröstliche Vor-stellung. Am Ortsausgang bogen wir in einen Feldweg ab, der hinüber zum Friedhof führt. Mein Blick war der Schlaglöcher halber auf den Boden geheftet, so daß ich erst beim Einbiegen in den Spillingsweg bemerkte, wie leer mich die Landschaft ansah und einen wie weiten Blick sie auf die sumpfigen Wiesen frei-gab. Die Spillinge waren weg.

So sinnlos: Man hatte sie entfernt, fein säuberlich, mit Stumpf und Stiel ausge-rottet. Es gab keinen Hinweis mehr darauf, daß sie je dort gewesen waren. Jetzt war alles sauber, im Herbst werden keine modrigen Blätter und keine matschigen Früchte mehr den Passanten stören. Den Passanten, den es gar nicht gibt. Denn von Marwitz nach Senzke geht schon lange keiner mehr. Wer dorthin will, fährt heutzutage mit dem Auto auf der B17 und nicht auf diesem Weg, der in der Mitte einen steinernen Buckel hat, aufgeschüttet immer wieder mit den Scherben der ehemals vierzig Ofenkachel-buden, und rechts und links im Sand verläuft. Jetzt pfiff der Wind über den Weg und bläst Sand und Krume mit sich fort.

Mit ihrer jahrtausendalten Geduld werden die Spillinge wiederkommen. Vielleicht, vielleicht bald. Aber die Leute werden sie nicht groß werden lassen. Was Dornen hat, so klein sie seien, ist schon Dorn im Auge. Das Fleisch löst sich nicht leicht genug vom Kern. Veredeln oder wegmachen.

Der Anblick betrübte uns beide und machte uns stumm und verlegen. Wir fuhren nach Hause. Magda widersprach, als ich schließlich doch mit der Sprache herauskam: "Die sind verrückt. Sind völlig verrückt. Daß sie die Spillinge weg-gehauen haben, das ist wirklich das Schlimmste." Anderswo ginge es aber um Menschenleben, meinte Magda, die Dimensionen seien doch ganz andere, ich solle nicht immer übertreiben. Ich habe aber nicht übertrieben. Die Spillinge konnten nämlich nicht einmal weglaufen. Außer-dem muß man übertreiben, manchmal. N

Natürlich hat Magda Recht.

(Chris Weise, 1993)