Thema: STRUKTUR UND FUNKTION
VON ZELLADHÄSIONSMOLEKÜLEN
Gastreferent: Dr. Lothar
Lucka (Institut für Molekularbiologie und Biochemie, Freie Universität
Berlin, Arnimallee 22, 14195 Berlin)
Zusammenfassung:
Adhäsive Interaktionen von Zellen sind sowohl essentiell für
Überleben, Proliferation, Differenzierung und Funktion von Zellen,
als auch für zelluläre Kommunikation wie sie bei zahlreichen
physiologischen Prozessen eines vielzelligen Organsimus stattfindet. Unter
Adhäsion versteht man den spezifischen, Rezeptor-vermittelten Kontakt
zwischen Zellen oder zwischen Zellen und der sie umgebenden extrazellulären
Matrix (EZM). Diese Interaktionen besitzen einerseits eine mechanische
Funktion, die für die Elastizität und Zugfestigkeit, also für
Gewebeintegrität, und die Zellwanderung von Bedeutung sind. Zum anderen
wirken die Adhäsionsrezeptoren auch als Signalübermittler. Diese
Signaltransduktionsprozesse können, wie bei den Integrinen, bidirektional
verlaufen, d.h. ins Zellinnere hinein (Outside-in), aber auch aus der Zelle
heraus (Inside-out). Dies ermöglicht ein Ineinandergreifen der verschiedenen
Funktionen der Rezeptoren. Durch Adhäsion werden intrazelluläre
Prozesse in Gang gesetzt, die zur Umstrukturierung des Cytoskeletts und
zur Induktion von Signalkaskaden führen können. Diese intrazellulären
Vorgänge können ihrerseits Affinität, Expressionsmuster
und Spezifität des Rezeptors beeinflussen.
Zell-Adhäsionmoleküle (CAMs) werden funktionell und strukturell
von den Substrat-Adhäsionsmolekülen (SAMs) und den Zell-Verbindungsmolekülen
(CJMs) abgegrenzt. Substrat-Adhäsionsmoleküle sind Proteine der
extrazellulären Matrix und der Basalmembran. Dazu gehören Proteoglykane,
Kollagene, Fibronektin, Laminin oder Tenaszin. Dagegen bilden Zell-Verbindungsmoleküle
feste interzelluläre Brücken in Form von Desmosomen, Tight- oder
Gap-Junctions. Zell-Adhäsionsmoleküle bilden eher lose Verbindingen.
Durch sie erkennen Zellen ihre Umgebung, beispielsweise andere Zellen,
und es kommt zu ersten Kontakten und Anknüpfungen. Solche Interaktionen
können entweder homophil sein, das bedeutet der Ligand ist das gleiche
Molekül wie der Rezeptor , oder heterophil, das heißt der Ligand
und der Rezeptor unterscheiden sich.
Bei den Zelladhäsionsrezeptoren handelt es sich um transmembranäre
Glykoproteine, die sich in vier Familien zusammenfassen lassen: den Selektinen,
Cadherinen, Integrinen und Molekülen der Immunglobulinsuperfamilie.
Selektine sind Lektin-artige Rezeptoren, die heterotypische Zell-Zell-Adhäsion
durch Bindung an sialylierte Glykane vermitteln. Sie werden auf Leukozyten,
Plättchen und Endothelzellen exprimiert. Während entzündlicher
Prozesse initiieren Selektine die Interaktion von Leukozyten mit Endothelzellen,
das "Rollen", dem das Auswandern der Zellen aus dem Blut ins Gewebe folgt.
Mitglieder der Cadherinfamilie sind homotypische Zell-Zell-Adhäsionsmoleküle,
die in spezialisierten Membranbereichen, wie der Zonula adherens und den
Desmosomen von Epithelzellen, lokalisiert sind. In der Zonula adherens
bilden sie enge Zell-Zell-Verbindungen, welche als selektive Diffusionsbarrieren
dienen. In diesen Kontakstellen stehen sie mit dem Cytoskelett in Verbindung.
Sie sind essentiell für die Entwicklung und den Erhalt von Gewebestrukturen,
insbesondere von epithelialen Interaktionen, vermitteln aber auch Signale,
wie in dem wnt/wg-Signalweg.
Die Zelladhäsionsmoleküle der Immunglobulinfamilie (Ig-CAMs)
besitzen eine oder mehrere Immunglobulin-Domänen (Ig-Domänen).
Sie vermitteln sowohl homotypische Interaktionen, wie z.B. durch das NCAM,
welches an der neuronalen Differenzierung beteiligt ist, als auch heterotypische,
wie sie bei den Adhäsionsrezeptoren im Immunsystem vorkommen.
Die vierte Familie der Adhäsionsrezeptoren stellen die Integrine
dar, welche auf praktisch allen Zellen exprimiert werden und bereits früh
während der Embryonalentwicklung benötigt werden. Sie sind beteiligt
an Zellwachstum, Differenzierung, Immunantworten, Wundheilung aber auch
an pathologischen Prozessen wie der Tumorentstehung. Integrine binden andere
membranständige Adhäsionsrezeptoren auf benachbarten Zellen,
beispielsweise Proteine der Ig-Superfamilie, oder Proteine der extrazellulären
Matrix. Integrine sind Heterodimere bestehend aus einer a- und einer b-Kette,
die nicht-kovalent miteinander verknüpft sind.
Die Funktion aller Zell-Adhäsionsmoleküle ist mit deren intrazellulären
Protein-Interaktionen gekoppelt. So wird die morphoregulatorische Fähigkeit
von CAMs durch direkte oder indirekte Verknüpfungen mit Bestandteilen
des Zytoskeletts ermöglicht. Beispielsweise sind Cadherine mit b-
oder g-Catenin, diese wiederum mit a-Catenin verbunden, welches direkt
an Aktin-Fasern koppelt. Integrine dagegen assoziieren mit Talin, Paxillin
oder Vincullin und über diese Proteine ebenfalls mit dem Aktin-Zytoskelett.
Aber auch Kinasen und Phosphatasen, die entscheidend zur Fähigkeit
von CAMs beitragen, Signale zu übermitteln, binden auf der zytoplasmatischen
Seite der Integrine in Multiprotein-Komplexen, den sog. fokalen Adhäsionskontakt-Stellen.
Von besonderer Bedeutung für die Signalinitiation ist in diesen Kontaktstellen
die fokale Adhäsionskinase (FAK). Nach Bindung und Aktivierung der
FAK können unterschiedlichste Signalwege, vom klassischen MAP-Kinaseweg
über PI3-Kinase-vermittelte Signale bis hin zur Aktivierung der Jun-N-terminalen
Kinase aktiviert werden. Einen anderen Signalweg, der erstmals für
Drosophila beschrieben wurde, dort entscheidend für die korrekte Achsenbildung
ist, ist der sog. wg/wnt-Pathway. Dieser ist über b-Catenin direkt
mit der Wirkung von Cadherinen verbunden. So beeinflußt der wnt-Weg
direkt die Fähigkeit von b-Catenin als Aktivator des Transkriptionsfaktors
TCF/LEF1 zu wirken. Andererseits kann wnt-Aktivtät die Abbaurate von
b-Catenin in Proteasomen steuern.
Zusammenfassed läßt sich feststellen, daß Adhäsionsvorgänge
nicht nur für die Aufrechterhaltung der morphologischen und funktionellen
Integrität von Organen, die Wundheilung oder Immunantwort wichtig
sind, sondern auch zur Signalübertragung genutzt werden. Dementsprechend
sind Zelladhäsions-Rezeptoren nicht nur statische Haltemoleküle,
sondern sind vielmehr als dynamische Systembestandteile für die zelluläre
Organisation und Kommunikation anzusehen.
Die besten Übersichtsartikel zu diesem Thema findet man in Current Opininion of Cell Biology, insbesondere in den Oktoberausgaben "Cell-to-cell contact and extracellular matrix". Dieses Journal gibt es elektronisch über das BioMetNet, "http://www.bmn.com", als Full-Text-Ausgabe mit ladbaren pdf-Dokumenten.
Referat 1
Referat 2 (Susanne Klatt)
Sensaki, K., Ogawa, M. and Yagi T. Cell, Vol.99, 635-647
( 1999 )
Proteine der CNR-Familie sind multiple Rezeptoren für Reelin
Reelin, ein großes extrazelluläres Glycoprotein, welches
in Cajal-Retzius-Zellen exprimiert wird, bindet an CNR ( Cadherin related
neuronal Rezeptor; CNR aus dem Untersuchungssystem Maus entspricht dem
humanen Pcdha ). CNR wird von den Neuronen der Kortikalen Platte ( aber
nicht in Cajal-Retzius-Zellen ) exprimiert und kann mit der cytoplasmatischen
Domäne an die Tyrosinkinase Fyn binden. Der Signalweg führt zur
Tyrosinphosphorylierung von mDab1, welches für die Neuronen- positionierung
verantwortlich ist und im Cytoplasma vorkommt. mDab1 besitzt eine Interaktionsdomäne,
die mit dem NPXY-Motiv, welches in Rezeptordomänen vorkommen kann,
die sich im Cytoplasma befinden, interagieren kann. Außerdem kann
mDab1 mit der SH2-Domäne von Src, Fyn und Ab I assoziieren. Sogenannte
reeler-Mäuse haben ein defektes Reelin-Gen, weshalb die neuronale
Migration nicht richtig funktioniert und es zur Inversion der Zellschichten
der kortikalen Platte kommt. In den Experimenten, die zu diesen Ergebnissen
führten, wurde das Expressionsmuster von CNR-Genen und fyn mittels
in-situ-Hybridisierung untersucht und eine Double-Staining-Analyse zur
Lokalisation von CNR1-mRNA und Reelin ( mittels Antikörper CR-50 )
durchgeführt. Die CNR-Reelin-Bindung wurde sehr ausführlich durch
Coimmunopräzipitations-Experimente mit Fusionsproteinen untersucht.
Dabei wurde herausgefunden, daß die Aminosäure Asp des RGD-Motivs
in CNR für die Bindung unbedingt notwendig ist ( site-directed-Mutagenese
). Der für die Interaktion mit CNR verantwortliche Bereich befindet
sich in der B-Domäne des ersten internal repeats von Reelin. Die Untersuchung
der Bindungsaffinität führte zu KD = 1,62 – 1,84 nM. Stimmulationsexperimente
der mDab1-Phosphorylierung in kortikalen Neuronen mittels Reelin und anti-RBD-(
Reelin-binding- domain ) Antikörper zeigten, daß CNR im Signalweg
zwischen Reelin und mDab1 steht. Die Interaktion von CNR und Reelin wurde
in vivo mittels double-labeling und Konfokaler Laser Scanning Fluoreszenzmikroskopie
untersucht, wodurch herausgefunden wurde, daß beide in der marginalen
Zone, in Form von diskreten Punkten angereichert, vorkommen. Durch Zugabe
von anti-RBD-AK zur Reaggregation von kortikalen E14-Zellen bilden sich
sphärische Aggregate von geringerem Durchmesser, weshalb man daraus
schlußfolgert, daß CNR auch noch andere Funktionen hat.
EC1 ( die erste extrazelluläre Domäne von CNR ) ist in der
Maus sehr stark konserviert, eine DNA-Analyse mittels Southern-Blot von
verschiedenen Vertebraten zeigte eine unterschiedliche Anzahl von CNR-Genkopien
( für Säugetiere 20, Vögel 10, Reptilien 5, Amphibien 2
), die für die unterschiedliche Positionierung von Neuronen in verschiedenen
Vertebraten-Gehirnen verantwortlich gemacht wird.
Seite erstellt von Chris Weise, Juli 2000