Thema: Spannungsabhängige
Ionenkanäle
Übersichtsreferat (Gabriele Bixel)
Spannungsabhängige Ionenkanäle sind verantwortlich für
die Erzeugung und Weiterleitung von elektrischen Signalen an Zellmembranen
(Aktions-, Synapsen- und Rezeptorpotentiale). Diese Membranproteine besitzen
polare Aminosäuren, welche die Wandung des zentralen Ionenkanals auskleiden
und so eine polare Pore bilden, durch welche Ionen wie Na+, Ca2+, K+ oder
Cl- durch die Membran geleitet werden können. Spannungsabhängige
Ionenkanäle werden durch das Membranpotential reguliert. Durch Depolarisation
der Membran können z.B. spannungsabhängige Na+- und K+-Kanäle
geöffnet werden, so dass ein Aktionspotential entstehen kann.
Die Klonierung einer Vielzahl spannungsabhängiger Ionenkanäle,
aber auch die Aufklärung der Kristallstruktur eines bakteriellen K+-Kanals
(1998) hat sehr wesentlich zum Verständnis des molekularen Aufbaus
und der Funktionsweise spannungsabhängiger Ionenkanäle beigetragen.
Spannungsabhängige Ionenkanäle sind Transmembranglykoproteine
mit Molekulargewichten von 250-300 kDa. Der Na+- und der Ca2+-Kanal bestehen
aus nur einer Polypeptidkette mit etwa 2000 Aminosäuren, die sich
in 4 homologe Domänen (D1-D4) aufteilt. Jede Domäne enthält
6 a-helikale transmembranäre Segmente (S1-S6). Bei den K+-Kanälen
werden die 4 Domänen dagegen nicht von einem, sondern von 4 Genen
codiert. Die vier Untereinheiten werden durch nicht kovalente Wechselwirkungen
zusammengehalten. Spannungsabhängige Cl- -Kanäle weichen von
diesem Aufbauprinzip ab, da sie vermutlich 12 Transmembransegmente besitzen.
Jeweils die Peptidschleife (P-Loop) zwischen den Helices S5 und S6
der vier Domänen (bzw. Untereinheiten) bilden das Innere der Pore,
durch die Ionen selektiv den offenen Kanal durchdringen können. Das
Segment S4 enthält viele positiv geladene Aminosäureseitenketten
(Arg/Lys-X-X -Wiederholungen) und dient als Spannungssensor, der seine
Lage bei Änderung des Membranpotentials zum Extrazellularraum hin
verschiebt. Dadurch wird ein Konformationswechsel bewirkt, wodurch sich
das Tor (Gate) des Ionenkanals öffnet und Ionen fließen können.
Nach der Aktivierung und Öffnung des Ionenkanal geht dieser in
einen inaktiven Zustand über. Das Modell der Inaktivierung des Na+-Kanals
schreibt die inaktivierende Funktion der cytosolischen Schleife zu, welche
die Domäne D3 mit der Domäne D4 verbindet: die Schleife wirkt
als Tor und verschließt den Kanal durch Blockade der inneren Öffnung
der Pore (‚hinged-lid’-Modell). An der Inaktivierung des K+-Kanals ist
ein N-terminaler Sequenzabschnitt beteiligt, der in eine globuläre
Domäne faltet und über einen beweglichen Linker (ca. 200 AS,
‚chain’ = Kette) an der cytosolischen Domäne des Ionenkanals verankert
ist. Bei der Kanalinaktivierung lagert sich die globuläre Domäne
(‚ball’) an die cytosolische Öffnung des Ionenkanals und verschließt
die Ionenpore (‚ball and chain’-Modell).
K+-Kanäle der KCNQ Familie (Michael Schwake,
Hamburg)
Spannungsabhängige Kaliumkanäle sind wichtige Regulatoren
der Ruhepotentiale vieler Zellen und modulieren die Erregbarkeit von elektrisch
aktiven Zellen, wie Neuronen oder Herzzellen. Eine besonders interessante
Gruppe dieser Kanäle sind die fünf Mitglieder der KCNQ Familie,
da Mutationen in vier KCNQ Genen vererbbare Krankheiten hervorrufen.
Dominant negative Mutationen in KCNQ1 verursachen das LQT-Syndrom.
Dieses zeichnet sich durch mögliche tödliche Herzrhythmusstörungen
aus. Mutationen in KCNQ4 sind verantwortlich für DFNA2, eine dominante
Taubheitsform, die im Alter fortschreitet. Des weiteren führen Mutationen
in KCNQ2 oder KCNQ3 zu einer Form von Epilepsie (BFNC; benign neonatal
familial convulsions), die nur in den ersten Wochen bei neugeborenen Kindern
auftritt und dominant vererbt wird.
KCNQ2 und KCNQ3 kommen fast ausschließlich im zentralen Nervensystem
vor und zeigen dort ein stark überlappendes Expressionsmuster. Dies
und die Tatsache, das Mutationen in KCNQ2 und KCNQ3 den gleichen klinischen
Phänotyp hervorrufen, legt die Vermutung nahe, daß sie heteromere
Kanäle bilden können. In der Tat konnte ihre Interaktion durch
verschiedene Techniken (Ströme in Xenopus Oozyten, Ko-Immunpräzipitation,
usw. ) gezeigt werden.
Die Spannungsabhängigkeit und die Kinetik der Ströme der
heteromeren KCNQ2/3 Kanäle ähneln sehr stark den nativen sogenannten
M-Strömen. Diese langsam aktivierenden Kaliumströme werden durch
den muskarinischen Azetylcholinrezeptor (daher auch der Name) inhibiert,
wodurch die Erregbarkeit von Neuronen moduliert werden kann, denn M-Ströme
wirken der Ausbildung von Aktionspotentialen (entstehen durch Depolarisierung
der axonalen Membran), durch Repolarisierung entgegen. Bisher wurde der
„Second Messenger“, der das Signal vom Rezeptor zum Kaliumkanal übermittelt,
nicht identifiziert.
Alle bekannten BFNC-Mutationen weisen keinen dominant negativen Effekt
auf, deswegen ist die Reduktion des KCNQ2/KCNQ3 Stroms in Patienten (gemessen
in Xenopus-Oozyten) gering. Daraus folgt, daß die Größe
des KCNQ2/3 Stroms kritisch ist in den ersten Lebensmonaten und dass durch
die fehlende Modulation der Erregbarkeit der Neuronen sich epileptische
Anfälle ausbilden können, die durch unkontrollierte Aktivität
von Neuronen gekennzeichnet sind.
Weiterführende Literatur:
"Ion Channels and Disease", Frances M.Ashcroft, Academic Press 2000,
ISBN 0-12-065310-9
Seite erstellt von Chris Weise, 29.Mai 2000