Thema: Schmerz
Übersichtsreferat (Ricarda Jahnel)
Zeichnung von René
Descartes 1664
"If the fire is near the foot, the particles of this fire ... have the power to move the area of the skin of this foot that they touch ... at the same instant they open the entrance of the pore or little conduit..." (René Descartes, Traité de l'Homme, 1662) - For more
Während akuter Schmerz eine Warnfunktion für den Organismus hat, werden die verschiedensten Arten chronischer Schmerzen als eigenständige Krankheitsbilder betrachtet, deren molekulare Grundlagen bisher wenig verstanden sind und deren Therapie schwierig ist.
Schmerz ist nach der Definition
der IASP (International
Association for the Study of Pain) "ein unangenehmes heftiges Sinnes-
und Gefühlserlebnis, das mit tatsächlichen oder möglichen
Gewebeschäden verbunden ist oder in solchen Kategorien beschrieben
wird" ("Pain is an unpleasant sensory and
emotional experience associated with actual or potential tissue damage
or described in terms of such damage").
Demgegenüber bezieht sich Nozizeption sich auf den Erhalt
von Signalen im ZNS, die von spezialisierten sensorischen Rezeptoren (Nozizeptoren)
hervorgerufen werden und Informationen über Gewebeschäden vermitteln.
Nozizeptoren sind spezialisierte primäre afferente Nervenfasern
(PAFs). Folgende Arten von PAFs lassen sich unterscheiden:
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in m/s |
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niedrig schwellig, nicht nozizeptiv, Bsp. Haarbewegung |
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hochschwellig, nozizeptiv, mechanische Reize |
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hochschwellig, nozizeptiv, mechanische + thermische Reize |
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nozizeptiv, polymodal |
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Ihre Zellkörper sitzen im Hinterwurzelganglion (dorsal root ganglion, DRG) und sie senden zwei Ausläufer aus. Über die peripheren Enden werden mechanische, thermische oder chemische Signale aus der Umgebung aufgenommen. Die zentralen Enden der PAFs werden mit spezifischen Projektneuronen im schichtartig (Lamina I-VI) organisierten Dorsalhorn (DH) des Rückenmarks verschaltet. Von dort aus gelangen die Signale entlang des Rückenmarks über verschiedene aufsteigende Trakte (spinothalamischer Trakt, spinoreticularer Trakt, spinomesencephalischer Trakt) zu höheren Zentren im Gehirn. In bestimmten Bereichen des somatosensorischen Cortex führt die Integration von sensorisch-diskriminativen und emotional-cognitiven Signalen zu einer bewußten Schmerzwahrnehmung.
Periphere und zentrale Mechanismen der Schmerzentstehung
Zellen geschädigter Gewebe entlassen nach Verletzung Substanzen,
die periphere Endigungen über íhre Rezeptoren aktivieren: Protonen,
Kaliumionen, ATP, Acetylcholin, Serotonin (5-HT), Bradykinin, Prostaglandine
(PGs), Leukotriene und andere. Zusätzlich werden aus Mastzellen Histamine
ausgeschüttet. Diese noxischen Stimuli werden von spezifischen Rezeptoren
wahrgenommen. Einer davon ist der VR1 (Capsaicin) Rezeptor, ein ligandengesteuerter,
nicht-selektiver Kationenkanal in primären sensorischen Neuronen,
der durch Protonen, Hitze (>42°C) und Capsaicin aktivierbar ist und
durch Depolarisation der freien Nervenendigung ein Aktionspotential generieren
kann.
Die terminale Enden der PAFs leiten das Signal weiter ins Hinterhorn,
dies geschiet durch Ausschüttung von excitatorischen Aminosäuren
(EAAs) wie Glutamat oder Aspartat, Neuropeptiden (SP, CGRP), ATP, NO und
Neurotrophinen (NGF, TNFa, GDNF) je nach Ausstattung
und Herkunft der betroffenen PAFs.
Periphere und zentrale Sensibilisierung
Länger anhaltende Applikationen des noxischen Stimulus (Nichtbehandlung
einer Wunde, Sonnenbrand) kann dazu führen, daß benachbarte
Nozizeptoren, die vorher nicht auf mechanische Reize reagiert haben, plötzlich
antworten (periphere Sensibilisierung). Mediatoren entstammen verschiedenen
Zellpopulationen, alle erniedrigen die Schwelle der Aktivierbarkeit der
Nozizeptoren, z.B. Prostaglandine, die aus Arachidonsäure (AA) geschädigter
Zellen durch Cyclooxygenasen synthetisiert werden und Leukotriene, die
durch 5-Lipoxygenasen ebenfalls aus AA gebildet werden. Zusätzlich
regulieren die PAFs ihre chemische Umgebung auch selber: Mediatoren
werden im Zellkörper synthetisiert und zum peripheren Ende transportiert,
wo sie gespeichert werden. Durch Depolarisation werden Neuropeptide wie
Substanz P und CGRP entlassen: Erweiterung der Blutgefäße und
Degranulierung von Mastzellen, weitere Entlassung von Histaminen führt
zur Reduzierung der Reizschwelle. Entzündungszeichen: Hitze, Röte
(Blutgefäßerweiterung), Schwellung (ausgetretene Lymphflüssigkeit,
Blutplasma).
Die periphere Sensibilisierung führt zur primären Hyperalgesie
(verstärkte Antwort auf noxische Reize durch Reduzierung der Reizschwelle
für die Nozizeption).
Zentrale Sensibilisierung manifestiert sich durch Wind-Up (bei
schwerer oder nicht behandelter Verletzung feuern C-Fasern repetitiv, worauf
die DH-Neuronen mit verstärkter Antwort reagieren = Wind-Up. Wind-up
ist von der Ausschüttung von Glutamat abhängig, das an NMDA-Rezeptors
auf der postsynaptischen Seite bindet).
Ein anderer Mechanismus ist die Generierung von Langzeitänderungen
in der synaptischen Transmission (long-term potentiation, LTP) und die
Änderung der Genexpression (erhöhte Expression von c-fos),
diese führt zur Generierung eines Schmerzgedächtnis.
Modulation auf allen Ebenen
Im Hinterhorn des Rückenmarks werden die ankommenden Signale durch
Interneurone (inhibitorische Interneurone ININs und excitatorische Interneurone
EXINs) moduliert. Interneurone werden auch innerhalb endogener absteigender
analgetischer Trakte z.B. vom Periaqueductischem Grau (PAG) des Mittelhirns
über den Nucleus Raphne Magnus zum Hinterhorn des Rückenmarks
zur Schmerzmodulation verwendet.
Verschiedene ININs benutzen z.B. GABA (g-Aminobuttersäure),
Acetylcholin oder Endorphine (Enkephalin und / oder Dynorphin) als Neurotransmitter.
EXINs benutzen dagegen EAAs, Neuropeptide wie Neurotensin, VIP (vasoactive
intestinal peptide), SP, Neuropeptid FF oder CCK (Cholecystokinin) sowie
ATP, NO oder PGs. Ein möglicher Mechanismus zur Wirkung von Interneuronen,
die „Gate-Contol Theory“ wurde von Melzack und Wall 1965 vorgestellt:
Ein spinothalamisches DH-Neuron erhält über eine dicke Hinterwurzelfaser
taktilen Input (Ab) und über eine dünne
Faser (C) nozizeptiven Input. Beide erregen das DH-Neuron. Außerdem
beeinflussen sie ein kleines inhibitorisches Interneuron, das GATE-Neuron,
welches das spinothalamische Neuron hemmt.
Bsp.: Man stößt sich und reibt an der Stelle, damit
überflutet man die Ab-Fasern mit taktilem
Input, das GATE-Neuron wird aktiviert und lindert den Schmerz, indem es
das spinothalamische Neuron hemmt.
Analgetika
Verschiedene Analgetika greifen z.B. entweder auf der Ebene der modulierenden
Systeme an oder blockieren spezifisch die Generierung von Entzündungsmediatoren.
Opioide wirken als spezifische Liganden der Opioid-Rezeptoren (µ,
k,
d
oder ORL1). Diese werden nur bei starken Schmerzen (wie bei Schmerzen im
Zuge einer Krebserkrankung) verwendet und bergen das Problem der Toleranzentwicklung,
was eine immer höherer Dosierung notwendig macht. Für schwache
bis moderate Schmerzen werden NSAIDs (non-steroidal anti-inflammatoric
drugs) wie Salizylateverwendet. Diese hemmen die Cyclooxygenasen COX1 und
COX2 (z.B. Aspirin, Paracetamol, Ibuprofen).
siehe auch Besprechung von Reichling & Levine (2000) "In hot pursuit of the elusive heat transducers", Neuron 26, 555-558
Referat 2 (Stefan Ott)
A Cellular Mechanism for the Bidirectional Pain-Modulating Actions
of Orphanin FQ/Nociceptin
Pan et al., Neuron 26, 515-522 (2000)
Das Heptadecapeptid Nociceptin (Meunier et al. 1995) oder Orphanin
FQ ( Reinscheid et al. 1995) konnte als endogener Ligand des Orphan-Rezeptors
ORL1 (opioid receptor-like 1 receptor) identifiziert werden. Orphanin FQ/Nociceptin
(OFQ/N) und ORL1 sind den endogenen Opioidpeptiden und den bekannten Opioidrezeptoren
µ, k und d
sehr ähnlich. Wie bei diesen werden durch OFQ/N Kaliumströme
aktiviert und Calciumströme inaktiviert (Hyperpolarisation der Membran),
in Verhaltensexperimenten führte die Injektion i.c.v von OFQ/N aber
eher zur Hyperalgesie (verstärkte Schmerzwahrnehmung) als zur erwarteten
Analgesie (reduzierte Schmerzwahrnehmung). Desweiteren wurde gezeigt, daß
diese induzierte Hyperalgesie vom Zustand des Tieres abhängig
war. In diesem Artikel zeigen Pan et al., daß
Basbaum AI and Jessell TM, The Perception of Pain.
In: Principals of Neural Science, 472-492 (4th Edition 2000)
Snider WD and McMahon SB, Tackling Pain at the Source: New Ideas about
Nociceptors.
In: Neuron 20, 629-632 (1998)
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Seite erstellt von Ricarda Jahnel und Chris Weise
(August 2000)