Thema: Polarität und Protein
Sorting
Zusammenfassung (Ingo Lehmann)
Innerhalb ein und derselben Zelle können sich Bereiche der Plasmamembran
untereinander erheblich in Lipid-und Proteinzusammensetzung unterscheiden.
Die Bereiche können sich auch morphologisch unterscheiden, wie zum
Beispiel bei den Nervenzellen (axonale und somatodendritische Domäne).
Die jeweilige Zelle muß über verschiedene „Sorting“-Mechanismen
verfügen, um die verschiedenen Membranproteine zu dem für sie
„richtigen“ Bereich zu dirigieren. Diese Mechanismen sind für Epithelzellen
wesentlich besser erforscht als für Neuronen. Die „Sorting Signals“
für die basolaterale Domäne liegen meist im cytosolischen Abschnitt
des Proteins und basieren auf einem Tyrosin oder Di-Serinmotiv, solche
für die apikale Domäne liegen meist im Transmembranbereich oder
werden durch Kohlenhydratseitenketten gebildet.
Bei dem Versuch, die an Epithelzellen gewonnenen Erkenntnisse auf Neuronen
zu übertragen, stellte sich heraus, dass sich basolaterale Proteine
in Neuronen im somatodendritischen Bereich anlagern und apikale Proteine
im Axon. Allerdings gilt dieses Konzept für die letztere Beziehung
nur bedingt, da apikale „Sorting Signals“ häufig nicht als axonale
erkannt werden.
Bei Untersuchungen zur Neuronenentwicklung in Kultur stellte man fest,
dass die morphologische und die molekulare Polarisierung in unterschiedlichen
Entwicklungsstadien ablaufen. Während des Axonwachstums (morphologische
Polarisation) kommt es zu einem cytoplasmatischen Fluss, bei dem Proteine
und Organellen unabhängig von ihrem Bestimmungsort im reifen Neuron
in das entstehende Axon eindringen. Die Trennung von axonalen und somatodendritischen
Proteinen erfolgt erst in einer späteren Entwicklungsstufe. Dem cytoplasmatischen
Fluß geht ein Zusammenbruch des Aktinnetzwerkes voraus, der dann
über den Anstieg der Exocytoseaktivität, den osmotischen Druck
des freien G-Aktins und/oder Ausdehnung des Cytogels die Bewegung der Organellen
in den axonalen Wachstumskegel auslöst.
An den Grenzen von Membranbereichen unterschiedlicher Polarität
bilden die Zellen „molekulare Zäune“ aus, um eine Vermischung der
Proteine beider Bereiche durch laterale Diffusion zu verhindern. Epithelzellen
bilden an den Berührungszonen mit anderen Zellen „tight junctions“
aus, die die apikalen und basolateralen Proteine am Verlassen ihres jeweiligen
Bereiches hindern.
Bei Neuronen dient ein 60-90 µm langes Anfangssegment des Axons
als molekularer Zaun. Dieser besteht im wesentlichen aus einem Komplex
von Bestandteilen des Cytoskeletts (z.B. F-Aktin und Ankyrin). Proteine
mit Ankyrin-bindenden Domänen werden, sofern sie in das Anfangssegment
hineindriften, an den Komplex gebunden und bilden dann für nachfolgende
Proteine eine natürliche physikalische Barriere.
Literatur:
1) Foletti, D., Prekeris, R., and Scheller, R.H.(1999). Generation
and Maintenance of Neuronal Polarity: Mechanisms of Transport and Targeting.
Neuron 23, 641-644
2) Winckler, B., and Mellman, I. (1999). Neuronal Polarity: Controlling
the sorting and diffusion of membrane components. Neuron 23, 637-640
3) Bradke, F., and Dotti, C.G. (2000). Changes in membrane trafficking
and aktin dynamics during axon formation in cultured hioppocampal neurons.
Microsc. Res. Tech. 2000 48, 3-11
Referat 1 (Martin Sichting)
Winckler, B., Forscher, P. and Mellman, I. (1999) Nature 397, 698-701
„A diffusion barrier maintains distribution of membrane proteins
in polarized neurons“
Zur Aufrechterhaltung ihrer Polarität verfügen Neuronen über
verschiedene Mechanismen. Dieser Artikel befaßt sich mit einer Diffusionsbarriere,
die verhindert, daß Membranproteine (sowohl Transmembranproteine
als auch GPI-verankerte Proteine) frei durch die Plasmamembran der Neuronen
wandern können. Ohne eine solche Barriere könnte die unterschiedliche
Zusammensetzung der Membranproteine zwischen dem Axon und der somatodendritischen
Region nicht aufrecht erhalten werden.
Immunfluoreszenz-Bilder zeigen, daß sich die Diffusionsbarriere
nicht am Axonhügel befindet, sondern etwa 30 µm vom Soma entfernt
im initialen Segment des Axons liegt. Um die Ergebnisse aus der Immunfluoreszenz
zu bestättigen, haben die Autoren sogenannte optical tweezers*
verwendet,
die sie mit Antikörpern an Membranproteine gekoppelt haben. Bei diesen
optical tweezers handelt es sich um lichtbrechende Kügelchen. Werden
diese nun mit stark fokussiertem Laserlicht bestrahlt, so erfahren die
Photonen bei Durchlaufen der Kügelchen eine Impulsänderung. Aufgrung
der Impulserhaltung muß sich deshalb auch der Impuls des Kügelchens
ändern. Somit kann man eine Kraft auf die Kügelchen ausüben,
die direkt proprotional zur Intensität des eingestrahlten Lichtes
ist und deren Richtung vom Bestrahlungswinkel und Bestrahlungsmuster abhängt.
Mit diesen optical tweezers haben die Autoren nun versucht, Membranproteine
durch die Membran zu ziehen. Dabei konnten sie feststellen, daß die
mittlere Beweglichkeit der Membranproteine im initialen Bereich des Axons
gegenüber dem weiter vom Soma entfernten Axon deutlich eingeschränkt
ist.
Die Autoren vermuteten nun, daß die Transmembranproteine im initialen
Axon über Ankyrin an das Aktin-Cytoskelett gebunden werden. Um dies
zu bestätigen, verwendeten sie die Aktin-zerstörende Droge Latrunculin-B.
Wurden Zellen mit dieser Droge (gelöst in Ethanaol) inkubiert, so
verschwand die Diffusionsbarriere. Bei diesem Versuch konnten die Autoren
feststellen, daß DMSO, welches sie zuerst als Lösungsmittel
für die Droge verwendet haben, ebenfalls die Barriere zerstört.
Auch dies Beobachtung ist mit dem Modell vereinbar, da DMSO die Plasmamembran
von cortikalen Cytoskelett löst und somit eine Verankerung der Membranproteine
unmöglich macht. Um sicherzustellen, daß die Transmembranproteine
auch an das Cytoskelett gebunden sind, machten sich die Autoren eine Eigenschaft
von an das Cytoskelett gebundenen Proteien zu Nutze. Solche Proteine lassen
sich mit nicht-ionischen Detergentien nicht aus der Membran extrahieren.
Es konnte gezeigt werden, daß CHAPS (ein nicht-ionisches Detergenz)
die Membranproteine aus dem Axon entfernt, daß aber im initialen
Axon keine Extraktion zu beobachten ist.
Das führt die Autoren zu folgendem Modell der Diffusionsbarriere
in Neuronen: Im initialen Axon werden die Transmembranproteine durch Verankerungsproteine
wie Ankyrin an das Aktin-Cytoskelett gebunden. Die so fixierten Proteine
bilden einen Zaun, der die Diffusion anderer Porteine (auch von GPI-verankerten
Proteinen) durch das initiale Axon verhindert.
* Weiterführende Literatur zu optical tweezers:
Kuo & Sheetz "Optical Tweezers in Cell Biology" - Trends in Cell
Biology 2, 116-118 (1992)
Referat 2 ( )
Seite erstellt von Chris Weise, 26..Juli 2000