Thema: AGRIN
Die Rolle von Agrin an der neuromuskulären
Endplatte und im Zentralnervensystem
Gastreferent: PD Dr.Stephan Kröger (MPI für Hirnforschung,
Frankfurt/Main)
(Dr.Krögers Neuro-Vorlesungen sind auch im Internet abzurufen.)
Zusammenfassung:
Die Ausbildung von synaptischen Zellkontakten (Synaptogenese) erfordert
eine räumlich und zeitlich koordinierte Spezialisierung der Plasmamembran
der beteiligten Zellen. Die Mechanismen, die eine funktionelle synaptische
Verschaltung hervorbringen, sind am Besten für die neuromuskuläre
Endplatte, die Synapse zwischen Motoneuron und Muskelfaser, charakterisiert.
Während der Synaptogenese bewegen sich die Wachstumskegel (growth
cones) der Motoneuronaxone auf die Muskelfasern zu. Während der Kontaktaufnahme
wird lokal die Bildung der Synapse induziert. Im Verlauf mehrerer Tage
reift die neuromuskuläre Endplatte zu ihrer endgültigen Form.
An ihren Rändern durch die glialen Schwann-Zellen begrenzt, etablieren
sich präsynaptisch Cluster synaptischer Vesikel und eine effiziente
regulierte Neurotransmitterausschüttung. Im synaptischen Spalt entsteht
die synaptische Basalmembran. Postsynaptisch bilden sich Invaginationen
der muskulären Plasmamembran (junctional folds), an deren Eingang
der nikotinische Acetylcholinrezeptor aggregiert (receptor clustering)
und an deren Ende spannungsabhängige Natriumkanäle in hoher Konzentration
angeordnet sind. Unter der Synapse sammeln sich Myonuclei. Dort wird die
Expression der Untereinheiten des nikotinischen Acetylrezeptors (nAChR)
induziert, während sie in den extrasynaptischen Zellkernen unterdrückt
wird. Außerdem wird die Gamma-Untereinheit des embryonalen Rezeptors
durch die Epsilon-Untereinheit des adulten Rezeptors ersetzt, der
eine kürzere Öffnungszeit (open time) und eine erhöhte Leitfähigkeit
aufweist und sich an der Synapse anreichert. Die extrasynaptischen, embryonalen
Rezeptoren werden dagegen von der Plasmamembran der elektrisch aktiven
Muskelfaser entfernt.
Während der Embryogenese entwickeln sich zunächst multiple
Synapsen zwischen Motoneuronen und Muskelfasern, die im Laufe der weiteren
Entwicklung zu einem Großteil eliminiert werden, bis im adulten Organismus
genau eine neuromuskuläre Endplatte pro Muskelfaser existiert. Die
Information über die Lage und Ausformung der Synapse ist dann in der
synaptischen Basalmembran gespeichert. Regenerieren sich Muskelfaser und
Motoneuron innerhalb einer intakten Muskelfaser-Basalmembran, wird der
ursprüngliche synaptische Kontakt bis hin zu den morphologischen Details
wiederhergestellt. Es wurde daher postuliert, daß in der synaptischen
Basalmembran ein Agens existieren muß, das die synaptische Spezialisierung
der beteiligten Zellen hervorruft. Ausgehend vom elektrischen Gewebe des
Zitterrochens Torpedo californica, das in sehr hoher Dichte Synapsen enthält,
die als Modell der neuromuskulären Endplatte aufgefasst werden können,
wurde schließlich Agrin als dieses Agens identifiziert.
Agrin ist ein von vielen Zellen sezerniertes, ca. 200 kDa großes
Protein. Es besitzt etliche Domänen, die aus anderen Proteinen der
Basallamina bekannt sind, trägt einen hohen Anteil an Kohlehydratseitenketten
und bildet den Proteinanteil eines Heparansulfat-Proteoglycans. Mit einer
N-terminalen Domäne integriert es sich in die extrazelluläre
Matrix. Durch alternatives Splicing ergeben sich verschiedene Isoformen,
die durch kurze Inserts von Aminosäureresten an drei verschiedenen
splice sites charakterisiert sind. Durch die Inserts der beiden C-terminalen
splice sites (A/y, B/z) unterscheiden sich neuronale von nichtneuronalen
Formen. Neuronale Agrin-Isoformen besitzen an der B/z-Site Inserts von
8, 11 oder 19 Aminosäureresten. Sie werden vom Motoneuron in den synaptischen
Spalt sezerniert, wo sie die postsynaptische und möglicherweise auch,
direkt oder indirekt, die präsynaptische Spezialisierung beeinflussen.
Postsynaptisch bewirkt Agrin über einen noch nicht verstandenen Mechanismus
die intrazelluläre Phosphorylierung der Proteintyrosinkinase MuSK
(muscle-specific kinase), deren Aktivierung über ebenfalls noch nicht
verstandene Mechanismen die Aggregation des Cytoskelettproteins Rapsyn
und des nAChR hervorruft. Gleichzeitig wird die Beta-Untereinheit des nAChR
durch src-ähnliche Tyrosinkinasen phosphoryliert. Agrin scheint ebenso
die Differenzierung der Myonuclei und die Transkription der Epsilon-Untereinheit
des Rezeptors zu induzieren. Darin wird es möglicherweise durch
neuronales Neuregulin unterstützt, das ebenfalls in die Basallamina
inkorporiert wird und über muskuläre ErbB-Rezeptortyrosinkinasen
auf die Muskelfaser wirkt.
Die Bildung von interneuronalen Synapsen im Zentralnervensystem ist
vermutlich wesentlich komplexer reguliert als die Ausbildung der neuromuskulären
Endplatte. Agrin ist auch dort in einigen Synapsen nachweisbar und ist
möglicherweise auch im Zentralnervensystem an der Synaptogenese und
der Plastizität ausgewählter synaptischer Kontakte beteiligt.
Figure 1: Agrin activation of MuSK leads to clustering of synaptic proteins, including AChRs, rapsyn, ErbBs and muscle-derived NRG. Current data indicate that a myotube-specific activity(ies) is required for agrin to activate MuSK; this myotube-specific activity(ies) may be a co-ligand (shown here), co-receptor and/or post-translational modifications. Current experiments also suggest that a kinase(s) downstream of MuSK is also important for agrin-mediated signaling. (taken from the Burden Group homepage)
Weitere Information zu Agrin: http://srs.ebi.ac.uk/srs5bin/cgi-bin/wgetz?-e+[omim-id:103320]
Referat 1 (Sascha Rutz):
Jones et al. (1997), Proc.Natl.Acad.Sci. 94, 2654-2659
Induction by agrin of ectopic and functional postsynaptic-like
membrane in innervated muscle
Von Agrin und Neuregulin, zwei von den Nervenendigungen der Motoneuronen
sezernierten Faktoren, wurde vermutet, dass sie die Lokalisation des nikotinischen
Acetylcholinrezeptors (nAChR) in der subsynaptischen Membran der Skelettmuskelfasern
induzieren. Neuregulin sollte dabei die Expression der nAChR-Epsilon-Untereinheit,
die charakteristisch für die neuromuskuläre Synapse des adulten
Muskels ist, induzieren, Agrin die Aggregation der nAChR bewirken. Jones
et al. zeigen jedoch, dass Muskelfasern auch dort nAChR-Epsilon-Untereinheiten
exprimieren, wo Myoblasten, in eine nervenfreie Region des denervierten
Muskels injiziert, ausschließlich ein neuronales Agrin-Fragment sezernieren.
Die mRNA der Epsilon-Untereinheit und die exprimierten Untereinheiten
selbst sind dort mit Agrin-Aggregaten und nAChR-Clustern, die resistent
gegenüber elektrischer Muskelaktivität sind, kolokalisiert.
Einzelne innervierte Muskelfasern, in die intrazellulär Agrin-Expressionsplasmide
im extrasynaptischen Bereich injiziert wurden, entwickeln an der Injektionsstelle
Agrin-Aggregate und eine ektopische postsynaptische Membran mit Clustern
von funktionsfähigen adulten nAChR, extrazellulär konzentrierter
Acetylcholinesterase und, unter dieser ektopischen postsynaptischen Membran,
einer Akkumulation von Myonuclei. Diese Ergebnisse zeigen, dass Agrin
alleine das neuronale Signal darstellen kann, das die Ausbildung des subsynaptischen
Apparates in der Muskelfaser induziert und lokal, direkt oder indirekt,
die Transkription der Gene der nAChR-Untereinheiten und die Aggregation
des nAChR kontrolliert.
Referat 2 (Kathrin Emmerich):
Hering & Kröger, Dev. Biol. 214 (1999), 412-428
Synapse formation and agrin expression in stratospheroid cultures
from embryonic chick retina
In dieser Arbeit wird eine spezielle Zellkulturtechnik beschrieben,
die als Modell zentralnervöser Synapsenbildung dienen kann. Durch
Proliferation und Differenzierung entwickeln sich aus neuroepthelialen
Vorläuferzellen der Retina des Hühnerembryos unter rotierender
Bewegung dreidimensionale Stratosphäroide, deren histotypische Schichtung
der der späten embryonischen Retina sehr ähnlich ist. Die Synaptogenese,
im inner plexiform layer immunologisch an der Expression synaptischer Proteine
(Gephyrin, GABAA-, Glycin-Rezeptor) nachweisbar, ist der Entwicklung in
vivo vergleichbar. Elektronenmikoskopisch zeigen sich morphologisch normale
synaptische Kontakte.
Die Entstehung dieser zentralnervösen Synapsen könnte
auch durch Agrin beeinflusst werden, das in den Stratosphäroiden vergleichbar
der Situation in der Retina exprimiert wird. Mittels RT-PCR wurde nachgewiesen,
dass neben nicht-neuronalem Agrin zwei neuronale Isoformen exprimiert werden.
Das Expressionsmuster und der zeitliche Verlauf der Expression ist wiederum
der Situation in vivo sehr ähnlich. Während das nicht-neuronale
Agrin sehr früh exprimiert wird und mit verschiedenen Strukturen,
beispielsweise den Müller-Gliazellen, assoziiert, ist neuronales Agrin
erst während der Synaptogenese nachweisbar und dann ausschließlich
im inner plexiform layer und synaptisch lokalisiert.
Seite erstellt von Chris Weise, Juni 2000