"Wie lange wohnst Du nun schon hier?", H. war vom Rotwein schon sichtlich benebelt, denn diese Frage stellte er im Verlauf des Abends nun zum drittenmal . Er fing an, dummes Zeug zu reden, nur um überhaupt etwas zu erzählen. "Ich denke, ich werde noch einmal durch den See schwimmen". Angesichts H.`s Zustandes war dies Antwort genug. Er überlegte gerade, wie weit er sich wohl von der Feuerstelle entfernen müsste, um pinkeln zu können, ohne das Schamgefühl Karins zu verletzen.
Sie erhob sich aus dem Durcheinander von Flaschen, Besteck und Grillresten und streckte, ungelenk vom Sitzen, ihren schlanken Körper. Zwar wirkte sie fast zerbrechlich in ihren anmutigen Bewegungen, in Wirklichkeit aber war sie stark und dabei elegant. Ihre Gestalt hatte soviel Weiblichkeit und Erotik, daß man nie vermutet hätte, sie sei erst 18.
Karin entledigte sich ihrer Kleider mit einer Selbstverständlichkeit als kennte sie H. schon jahrelang. Der jedoch, noch jünger als sie und in sexuellen Angelegenheiten eher jungfräulich, geriet in den geradezu schizophrenen Konflikt, daß er seine Augen gleichzeitig zu ihr hin- und von ihr abwenden wollte. Karin, die sich mit dem Rücken zu H. gewandt gerade bückte, um als letztes auch noch ihre Sandalen auszuziehen, spürte seine Verwirrung und genoß sie schmunzelnd.
Der Rest der lauen Nacht am See, mit dem gemeinsamen Bad, dem ebenso gemeinsamen Aufwärmen der nackten Körper unter einer Decke und mit all den folgenden Gemeinsamkeiten, ist schon so oft erzählt und erlebt worden, daß jeder ein Bild von ihm hat.
Irrtum Nr.2, Der Geist steht über der Materie.
Jürgen Hüttner, Kommerzielle Nutzung nur nach Rücksprache mit dem Autor.