Der Stachel

Nach geraumer Weile von Verschonung nun wieder eine schlimme Nacht: Ich lag wach, überwach trotz einer vorherigen Müdigkeit, welche mich übermannt, fast könnte man sagen niedergestreckt hatte, die Sinne steil gespitzt in die Dunkelheit, doch sie erfaßten nichts - diese Nacht gab nichts her, der frisch gefallene Schnee dämpfte alles Tönende fort - so daß nur dieses lastende Wissen blieb, daß irgendwo just in diesem Moment etwas geschähe, zu meinem tiefen Mißfallen geschähe, etwa, das mir einen gemeinen Stachel unter die Haut rammen würde und daß ich das nicht verhindern konnte. Ich ahnte nicht, was es war und wollte es auch gar nicht erfahren, schon so war es alles quälend genug.

Ich zog mich ins Bad zurück, heißes Wasser und Lavendelmilch, Seelenwäsche. Ich las eine Geschichte aus einer Lissabonner Nachtbar, die sonderbarerweise Oslo-Bar hieß, in der Whisky in Strömen floß und die einem die Gedanken gewaltig verbog. Später schlief ich erschöpft doch noch ein.

Morgens weckte mich die grelle Stimme des Jungen. Der Morgen war hell und kalt; die Welt war, was sie war. Ich wußte, es war geschehen, wie es hatte geschehen müssen, aber es betraf mich schon nicht mehr.

(Chris Weise, Januar 1998)