Gehren/Thüringen
Mein Lieber, wir sind jetzt hier in Gehren. Nur Du bist nicht da, Du persona non grata - Du bist nicht willkommen in meinem Land, Du darfst nicht zu mir. Der Geschmack in meinem Mund ist bitter, und nie werde ich verstehen können, was es diesem Land nützt, daß wir nicht zusammen Weihnachten verbringen dürfen.
Die Bahnfahrt führte anfangs durchs sächsische Industrierevier, vorbei an Halle und Merseburg, an halbverwesten Städten und verkommener Industriewüste, viele Fensterscheiben sind zerschlagen, es sieht aus wie auf einem toten Planeten. Unvorstellbar, daß sie da drinnen noch arbeiten. Ich hab Deine Fotos vom Süden Belgiens noch im Kopf, so könnte es dort stellenweise auch aussehen, aber was red ich, es sind doch immer bloß andrer Leut Bilder, selber sehen werd ich das alles am Ende nicht dürfen. - Das Ende des Films war dann netter anzusehen: über Weißenfels, Naumburg, Apolda, Weimar und Erfurt ging es nach Arnstadt.
Von Arnstadt holte uns der Onkel ab, mit dem Auto schaukelten wir durch sanft gewelltes, sonnenbeschienenes Land. Heile Welt: Ein Horizont von blau bewaldeten Bergen, wie im Bilderbuch, dazwischen sprudeln frisch und sauber anmutende Bäche und Flüßchen, die tragen solche Namen wie Schobse oder Wohlrose und fließen in die Ilm, und die wiederum in die träge, braun sich dahinwindende Saale. Die Äcker sind hier von anderer Farbe und Konsistenz als die nördlichen und märkischen. Sie sind lehmig schwer und dunkelrostrot; die Erde lastet in fetten, glänzenden Schollen mit vielen kleinen Steinen dazwischen. Dieses Rot gibt den Ton an, doch da ist auch Grün in Fülle, denn noch fehlt der Schnee. Die Häuser sind Ornamente in dieser Landschaft und ergänzen das Farbspiel um das Anthrazit des Schiefers, der diesen Häusern eine lebendige Haut bildet, lebendig, weil es ihn in vielen Farbtönungen gibt, lebendig, weil es so viele Arten gibt, ihn zuzuschneiden und anzuordenen - allein sieben Arten konnte ich auf den Dächern unterscheiden - und lebendig, weil diese Haut atmet und sich bewegt: Liegt man nachts im Bett und geht der Wind, begleitet einen dieses trockene Rascheln der Schindeln in den Schlaf. Ich weiß, Du würdest das mögen. Und ich würd gern mit Dir lauschen.
Ich befinde mich hier in Gehren auf einem Längengrad, der durch Deutschland hin und her pendelt. Der hat's gut, der kann hin, wo er will: Puttgarden, Schwerin, Ludwigslust, Salzwedel, Helmstedt, Halberstadt, Quedlinburg, Erfurt, Sonneberg, Neustadt, Coburg - ungefähr jedenfalls, die Karte in meinem Kalender ist winzig. An den Thüringer Wald schließt sich südlich der Frankenwald an, wo Du Deine Kindheit verbrachtest, da wird's nicht viel anders aussehen als hier. Wärst Du hier, könntest Du uns erzählen von damals.
Bis gestern hatten wir strahlenden Sonnenschein, wundervolles Licht lag über der Landschaft, schwarze Tannen vor einem rotblau gestreiften Himmel, Sonnenuntergänge klar und leuchtend wie auf alten Kitschpostkarten. Unsere kurzen Spaziergänge fanden wegen Jonas in Zeitlupe statt, die ganze Hast lief weit voraus, und ich konnte mich der Anmut dieser Landschaft ganz ergeben. Es ist als würde die Reinlichkeit der Landschaft auf geheimnisvolle Weise abfärben auf die Menschen: Die Anwesen sind hier aufgeräumt und gepflegt, wo auch immer man hingelangt, Schuppen und Holzfeimen sind in ordentlichem Zustand, die Beete sorgsam mit Fichtenreisig abgedeckt. Überhaupt Holz - Holz haben sie mehr als genug. Bei mir daheim in Rostock wäre das Luxus, hier ist es selbstverständlich, daß man den Ofen mit Holz heizt. Der Geruch von Holzfeuer statt Braunkohlebrikett, allein das macht alles anders.
Neben Feuerholz hat der Thüringer aber auch noch einen Stapel Bauholz im Garten. Oft sind die Häuser auch außen mit Holz verkleidet, schöne Zäune sah ich aus hohen, dünnen Staketen, doppelt so hoch wie normale Zäune, und die Schafe werden noch mit den althergebrachten Bretterzäunen eingepfercht, nicht wie andernorts verdrahtet. Entlang meinem Weg, der mich in die Äcker führte, begleitete mich lange ein riesiger Holzstapel, höher als die Obstbäume, die schüchtern dazwischen hervorlugten. Ich ahne, Du würdest hier Deinen quadratischen Blick kriegen und tausend Fotos sehen. Und ich Stieseltrine hab nicht mal dran gedacht, Paulas kleine Klickklackbox einzustecken, als wir aus strömendem Regen abfuhren, hatte ich keinen Mut, mir eine so schöne Welt vorzustellen.
Gehren ist bekannt für Spielzeug. Ein Abklatsch der Wirklichkeit, die Gehrener Welt ist spielzeugschön: Grün-rot-grauer Dreiklang von Wiesen, Erde und Häusern, ab und zu bimmeln ein paar bunte Schafe dazwischen oder schwarze Eichkaterchen, die einen sonderbar neugierig anstarren, bevor sie weghuschen. Dieses Gehren mit seinen gerade viertausend Einwohnern nennt sich Kleinstadt, aber alles mutet ungeheuer dörflich an. In welcher Stadt würde man schon die Landschaft riechen können? Wie auf dem Dorf kennt man sich, die Alten gehen in der Kittelschürze und mit abgestoßenen weiß-schwarz gewürfelten Ledertaschen einkaufen, in den Läden reden die Leute miteinander in einem vertrauten Tonfall zwischen herzlich und spöttisch, und begegnet man einander unterwegs, so grüßt man sich, und nicht einmal der Fremde wird ausgenommen, und nicht einmal der Fremde wundert sich darüber. Es gibt keine Fremden.
Die Lebensmittel hat man hier zu bestimmten Tageszeiten einzukaufen, sonst geht man leer aus. Papier, Schreibwaren und Bücher gibt's alles in einem Laden. Kultur: Außer daß völlig unglaublicherweise Kafka im Bücherladen zu haben ist - und das vermutlich noch Jahre lang - gibt es noch ein kleines Kino, wo sie zweimal die Woche einen mittelmäßigen Film spielen. Das ist dann aber auch wirklich alles. Und die Regionalzeitung heißt "Freies Wort".
Die Thüringer? Ich hab nur wenige zu Gesicht bekommen, schon der Zug war leer, was Wunder an einem Sonnabendvormittag, da bleibt man hier zu Hause. Und Gehrener traf ich nur, als am Sonntag ein paar Stunden die Läden offen waren. Wovon lebt man in Gehren? Holzverarbeitende Industrie, Spielzeugproduktion, in den umliegenden Städten Porzellanbuden und Bergbau, man baut da Flußspat ab, den man für Porzellan und keramische Farben verwendet.
Wärest Du hier, wir hätten ausgedehnte Wanderungen durch den Wald unternommen. Allein geh ich nicht in den Wald. So fehlt mir die Bewegung. Regina soll wegen ihrer schwierigen Schwangerschaft nicht viel laufen, Jonas will nicht. - Gestern habe ich mich immerhin aufgemacht, das Städtchen zu umrunden. Damit kann man eine gute Stunde zubringen. Zuerst ging ich auf die Post und rief in Werder an; ich hatte Glück, Ines war zufällig da, und von ihr erfuhr ich wenigstens, wo Du steckst. Die Post ist alt und aus weißgestrichenem Holz. Die Schalter bestehen aus vielen kleinen Fenstern, deren Rahmen ebenfalls weiß sind. Eine eingelassene Messinguhr, ein Wandgemälde vom Seerosenteich, einem hiesigen Ausflugsziel. Dann besah ich mir die Schieferhäuser ganz genau, blieb stehen, zeichnete ab, ich muß eine sehr verdächtige Gestalt für die Einheimischen abgegeben haben. Hier tut man so etwas nicht, denn hier hat jeder immerfort etwas Richtiges zu tun.
Später fand ich den Friedhof. Seine Mauern sind berankt mit einem undurchdringlichen Geflecht von Efeu und Mauerpfeffer. In den Anbauten der Kapelle wohnt die große Familie des Totengräbers, Wäsche flatterte auf der Leine. Als ich in die Kapelle blickte, gewahrte ich riesige Topfpflanzen, altes Gestühl, ab und an einen Latsch unter den Bänken. Nachher ging ich umher und notierte die Namen auf den Grabsteinen. Man heißt hier, immer wiederkehrend: HUCK, SCHÜTZ, DAMHARDT, HAUEISEN, GEBER, BRETERNIK, MOHWITZ, UHLWORM, MEMHARDT, STUBENRAUCH, SAUERTEIG, KÜHNAST, KÖBRICH, BAUER, LANGGUTH, NOTHNAGEL, KRANNICH, OCHSE, GÖBSER, MACHLEIDT, ESCHER, ORTLOFF. In den zwanziger Jahren starb man als Holzhauer, Postsekretär, Tischlermeister, Förster a.D., Kapseldreher (Schamottekapseln für die Porzellanindustrie zum Einstapeln des Brenngutes), Gerichtsvollzieher, Glasermeister, Polizeiwachtmeister, Bäckermeister oder Bergmann.
Fröhlich und souverän sollt ich sein, ihnen ein Schnippchen schlagen, ich weiß ich weiß, und doch war ich geknickt gewesen. Und weiß ich es tausendmal, daß sie es genau darauf abgesehen haben, die Zweifel machen es sich dennoch bequem. Es ist und bleibt Weihnachten ohne Dich. Wo bist Du und mit wem? Immer wieder der Gedanke, daß da eine andere Frau ist mit Dir - das ertrüge ich jetzt nicht. Ich möcht mich davon befreien, doch der Gedanke, daß wir nie zusammen kommen werden, nimmt mich mit fort mit aller Macht, wie ein Strudel, und dann bleibt er auf einmal stehen, als ob er auf einen Nistplatz lauert. "Der Blick nach außen vertreibt die bösen Geister", hast Du mal gesagt. Recht hast Du - wirklich hat mich dieser Gang durch die Welt erst einmal von meiner Last befreit, und ich versteh jetzt auch besser, warum Du das manchmal brauchst.
Gestern ist Walter gekommen. Wir haben die Kinder in den Ziehwagen gepackt und sind vor die Stadt gezogen zum Seerosenteich. Erst in der Dämmerung waren wir angelangt, geheimnisvoll und bizarr lag da der See mitten im Wald, wie in einem alten Märchen. In der Mitte hatte sich eine zarte Eisschicht gebildet, und in seinen schwarzen Tiefen spiegelten sich Sonnenuntergangsfarbenreste und der fast volle gelbe Mond. Der scheint auch auf Dich. Verdammt und verdammt, warum darfst Du bloß nicht hier sein?
Um halbsechs waren wir zu Hause, da kam der Weihnachtsmann. Paula hatte keine Angst und sang ein Lied und bekam eine weiße Wildkatze mit grünen Augen. Die soll die Mutter von der alten, kleinen, gestreiften sein.
Man rügt mich gerade, daß ich nicht genug mit meinem Kind spiele. Drum höre ich jetzt auf. Ich werde versuchen, nicht an Dich zu denken.
Gehren (Thüringen), den 25.12.1985
Chris Weise, 1992 (Vorlage: Ein Brief aus Gehren, 1985)