Der Brand
"Du siehst aus wie Braunbier mit Spucke. Was ist denn bloß
los mit Dir?" fragte Ada. "Nichts" entgegnete ich etwas unwirsch, "gar
nichts". Ich mochte diese Frage nicht und ich hätte ihr auch gar nichts
erklären können, es war alles viel zu verworren. Sie sah mich
lange an, wartete, ob ich nicht doch noch etwas hinzufügen würde
und meinte zuletzt: "Na schön. Wer nicht will, der hat schon. Jedenfalls:
Wenn es brennt - Du hast ja meine Telefonnummer..." Und damit entschwand
sie. Wie diese zerbrechliche schwarze Figur da zwischen den geflexten Schrankwänden
den blauen Gang entlang schwebte, welch ein erhebender Anblick! Und dann,
am Ende des Ganges angekommen, vollführte sie ihre kleine Pirouette
- ich hatte ihr einmal gesagt, wie sehr ich dieses letzte, kurz angedeutete
Umdrehen mochte - und war weg. Ich blieb zurück, erhoben und zugleich
zutiefst traurig, denn es war Freitagnachmittag und ich würde sie
erst am Montag wiedersehen. Sie war weg, und gleich sah die Welt ganz anders
aus: Keiner würde mehr kommen, nichts würde mehr kommen. Der
Gang strahlte nicht mehr von Silber, war nur stumpfblau, die blöden
blauen Noppen drängten sich ins Blickfeld und sahen mich aus tausend
Augen böse an. Ich ging in meinen Raum zurück und vertiefte mich
noch einmal in meine Arbeit; als es draußen langsam dunkel wurde,
packte auch ich zusammen. Ich spürte, daß dieser Feierabend
keine Erlösung bringen würde, wie wenig mich alle Grübelei
weiterbringen würde, merkte aber auch, daß ich nichts
anderes mit mir anzufangen wußte. Also fuhr ich, wie ich das beinahe
jeden Abend tat, erst einmal zur Tankstelle, um mir ein Bier zu kaufen.
Es war kaum Betrieb, die anderen waren wohl alle schon ins Wochenende gefahren;
Mehmet, der fette, stiernackige Türkenlehrling, saß gelangweilt
an der Kasse und spielte mit seinem Dolch. Anders als sonst machte er sich
heute aber nicht die Fingernägel sauber, sondern stocherte in einer
Tüte Gummibärchen herum, die vor ihm auf dem Kassentisch lag.
"Tach Chef", sagte ich, "was machst'n da?". "Takyen" grüßte
er zurück und blickte auf. "Siehst Du doch. Nackensteaks." Er hielt
mir den Dolch vors Gesicht, auf den ein kleines rotschimmerndes Stück
Gelatinemasse aufgespießt war und führte mir dann höchst
fachmännisch vor, wie er solch ein Stückchen aus einem lebendigen
Bärchen herausschnitzte. "Am Besten sind die roten. Magst Du eins?"
fragte er mit einem aufmunternden Nicken. "Nee, nich' auf trocknen Magen.
Zieh mir lieber 'ne Dose Bier ab." Ich zahlte und verließ unter Mehmets
verständnisinnigem Blick den Kassenraum.
Ich hatte keine Idee und keinen Mut, ich wußte nicht
wohin. Aus lauter Verlegenheit vor mir selbst fuhr ich aus der Stadt hinaus.
Das Auto wußte den Weg, wie automatisch fuhr es zu den verlassenen
Russenkasernen hin, zu dem vergessenen kleinen sowjetischen Soldatenfriedhof,
der, eingerahmt von Birken, ein Stück ab von der großen Straße
am Rande des Panzerübungsplatzes lag. Dies war der Ort, an dem mir
das ständige Rauschen und Tosen der Welt am wenigsten in den Ohren
klang - ein Ort vollkommener Ruhe und zudem vollkommener Würde
und Verhältnismäßigkeit, ein Ort, an dem sich die verrückten
Dinge wie von selbst wieder zurecht rückten. Ich setzte mich
unter das Ehrenmal und sah in die Nacht, die sich immer dichter ausbreitete.

Über mir der große fünfzackige Stern hob
sich schwarz ab vom Himmel, der von der Nähe der großen Stadt
rötlich schimmerte. Mit der Nacht sah ich in mir unwirkliche Bilder
aufsteigen, die ich doch wirklich gesehen hatte entlang dieser Straße,
zeitlose Bilder - junge kahlgeschorene Soldaten, die die Wege vor den endlosen
weißgekalkten Kasernenmauern mit Reisigbesen fegten - die sich vermischten
mit den historischen, aber durchaus wirklich erscheinenden Bildern. Fotos
und Filmaufnahmen von den Eroberern, endlose Panzerkolonnen, die Berlin
einkreisten, der Nazi-Obere, der sich und seine Familie selbst gerichtet
hatte, und nun hängen sie alle irgendwie schief auf einem Sofa, und
schließlich das Bild, das jeder kennt, wie die Soldaten triumphierend
die rote Fahne auf dem zerschossenen Reichstag hissen. Ich durchschaute
mich selber nicht, aber ich wußte, daß ich es hatte. Ich wußte
nicht was, aber ich hatte es. Der Abend war gerettet. Ein Gedanke war geboren,
und eine Geburt kann man nicht abbrechen. Mein Gedanke war weder originell
noch korrekt, aber anders als alle anderen Gedanken war er da und war zwingend:
Etwas mußte brennen. Nun hatte ich ein Ziel. Ich fuhr nach Elstal
zur Tankstelle. Dort würde sich keiner an mich erinnern, denn die
ganze Mannschaft dort war sowieso immer im Dun. Das war schon so gewesen,
als es noch eine enge, klebrige Minol-Klitsche war, und daran würden
alle "Bonjour elf"-Schilder der Welt nie etwas ändern können.
Wenn ich Tankwart in Elstal wäre, wäre mir auch alles egal. Mit
einem Kanister voll Benzin fuhr ich zurück in die Stadt und steuerte
den Reichstag an.
Ich stellte meinen Wagen am Rande des großen Parks
ab und machte mich mit meinem Kanister auf den Weg zur Baustelle. Die Vorderseite
des Gebäudes war zwar gleißend hell erleuchtet, aber hinten
fand ich nach einigem Suchen schließlich eine dunkle Stelle, an der
der Bauzaun Löcher hatte und nur notdürftig gesichert war. Hier
schlüpfte ich durch und robbte mich durch die Dunkelheit auf das Gebäude
zu. Weit kam ich nicht, da traf mich der grelle Schein einer Lampe und
ich sah mich zwei kräftigen Gestalten gegenüber. Die beiden sahen
nicht so aus, als ob ich mich mit ihnen anlegen sollte, der eine
hielt eine lange Eisenstange in den Händen, während der andere
einen Schlagstock am Gürtel trug. "Holla! Wen haben wir denn da? Willkommen!",
griente der mit der Lampe und, an den anderen gewandt: "Wette gewonnen.
Doch schon einer vor Mitternacht." - "Hätt ich mir auch gleich denken
können", kommentierte der, "Freitagabend und warm - da hat man zwangsläufig
Kundschaft. Ja, dann komm' Se ma mit", forderte er mich auf. Zwischen den
beiden eingeklemmt stiefelte ich über die Baustelle auf eine Baracke
zu. "Hier rein", kommandierte der mit der Lampe. "Sehr gemütlich ist
es noch nicht, aber das neue Reha-Zentrum für reuige Brandstifter
wird erst 2002 fertig". Die Einrichtung war in der Tat spartanisch, Neonröhre
an der Decke, eine Runde abgerissener Stühle in der Mitte, ein kleines
Tischchen mit einem verklebten Elektrokocher, ein Müllsack halbvoll
mit leeren Bierbüchsen.
"Vielleicht stellen wir uns einander kurz vor und dann möchtest
Du uns erklären, was Dich hierher führt. Also, ich bin Harald."
Das war der mit der Lampe. - "Für den Namen kann er nichts", ergänzte
der andere. "und ich heiße Jon." "Wofür er auch nichts kann.",
übernahm Harald wieder die Gesprächsführung. "Und Du?" "Ich,
hm, ja also ich..." Irgendwie überforderte mich dieses Gespräch.
Ich stammelte aus lauter Scham, brachte keinen Satz heraus, merkte, daß
ich knallrote Ohren hatte. "Reden kann er auch mal wieder nicht, ist doch
immer dasselbe, steckt garantiert 'ne Braut dahinter. Unglückliche
Liebe Nr.79", wandte sich Harald mit einem Seufzen an Jon, der inzwischen
an meinem Benzinkanister schnüffelte. "Die Leute müssen echt
alle zu viel Geld haben. Schon wieder so ein Oberspezialist, der Super-Benzin
anschleppt. Als ob man nicht auch mit Diesel einen ordentlichen Brand legen
könnte." - "Ach weißt Du", griff Harald das Gespräch
wieder auf, "das ist doch sowieso alles symbolisch. Die ganzen Gestalten,
die hier durch die Nacht krabbeln und einen Brand legen wollen, da hab
ich echt kein Zutrauen, daß da was Vernünftiges bei rauskommt.
Denen geht es doch um keine Sache, sondern ausschließlich darum,
daß es ihnen selber warm ums Herz wird." Er wandte sich wieder mir
zu. "Ist echt so. Neulich war einer da, der hatte nur Kohlenanzünder
dabei. Mußt Du Dir mal vorstellen." Langsam fand ich zu mir zurück
und konnte wieder ein paar Worte hervorbringen. "Ich bin, ich bin also,
äh - nicht der Einzige?" fragte ich in die Runde. "Der Einzige? Du
bist mir vielleicht ein Scherzkeks! Du ahnst ja gar nicht, was hier los
ist. Vor allem am Wochenende. Du bist bloß etwas zeitig dran, die
meisten kommen später. Vorigen Samstag waren wir zu neunt. Das artet
manchmal regelrecht in eine gruppentherapeutische Aktion aus.Ich hab heute
extra noch zwei Stühle mitgebracht!" - "Ja", bestätigte Jon,
"ist alles immer rein symbolisch. Dieser schreckliche Kasten da vorne -
statt daß er einfach mal nur ist, was er ist. Ist halt echt das große
Symbol, und die Leute wollen sich unsterblich machen. Dabei, wenn Du mal
einen Moment darüber nachdenkst, hat keiner was davon und eigentlich
hat auch keiner was gegen diesen Bau. Ich will ja nicht sagen, daß
er besonders schön ist. Für mich etwas zu massiv. Zeitgeistarchitektur,
nichts Besonderes, wie immer bei Wallot," - "Professor Paul Wallot, ergänzte
Harald, "das war der Architekt". - "konnte sich nie zu einem wirklichen
Stil durchringen, dieser Mann, nicht Fisch noch Fleisch..." "Halt
mal", unterbrach ich seinen Vortrag, "bei mir ist das anders." "Ist immer
bei allen ganz anders, das gehört dazu". - "Harald ist da erbarmungslos,
er hat das schon zu oft gehört. Du mußt das verstehen" nahm
Jon seinen Kollegen in Schutz. "Aber bei mir - ich bestehe darauf," versuchte
ich mich zu behaupten, "es ist doch wegen Ada, und sie hat gesagt, ich
darf sie anrufen, wenn es brennt." - "An Dir hat Deine Ada ja echt 'ne
Perle!" höhnte Harald und schlug sich mit der flachen Hand an die
Stirn. "Das ist doch jetzt wirklich das Allerblödste, was ich seit
langem gehört habe." - "Mensch Harald, Du mußt das Positive
sehen, hab ich Dir das nicht schon tausendmal gesagt? Erstens liefert der
Herr mal 'ne neue Variante, und zweitens hat die Dame jetzt immerhin einen
Namen. Ada - ist doch schon mal was. Wir kommen doch voran. Nun würdige
das doch auch mal."
Eigentlich bin ich ja nicht naiv, aber mit diesem Sarkasmus
kam ich schlecht klar. "Ist das wirklich alles wahr, was Ihr da erzählt?
Und Ihr, was macht Ihr hier eigentlich?" Jon erklärte nun ganz
ruhig: "Also eigentlich machen wir das hier nur so nebenbei. Ehrenamtlich.
Weil wir gute Menschen sind. Und vielleicht hilft es uns ja eines Tages
sogar. Es ist so: Wir erhöhen hier unsere Sozialkompetenz, darüber
kriegen wir dann eine Bescheinigung, wenn die Baustelle mal weg ist
und ein echter Wachschutz hier das Kommando übernimmt, und damit
können wir dann vielleicht irgendwie in den Beratungs- oder Sozialbereich
reindrücken. Wir denken halt an unsere Zukunft, denn irgendwann wollen
wir vielleicht auch noch mal was anderes machen als das, was wir jetzt
tun." - "Und das wäre?" - "Tagsüber zersägen wir Gewehre."
"Wie bitte?" - Jetzt ergriff Harald wieder das Wort: "Ja, eigentlich sind
wir bei der Polizei. Ursprünglich Meldebehörde. Hat uns keinen
Spaß gemacht. Da haben wir uns dafür beworben. Wir vernichten
Waffen, die bei irgendwelchen Polizeiaktionen beschlagnahmt wurden. Nicht
daß die Welt dadurch besser würde..." "Doch, schon!" fiel
ihm Jon ins Wort. "Ach was! So schnell wie die Produktion läuft, können
wir gar nicht sägen. Also kein vorschneller Jubel," meinte Harald
nun sehr eifrig und ernst, "aber zumindest eins: Wir vergreifen uns nicht
an Symbolen. Was ich zersäge, fügt danach kein Gott mehr zusammen.
Und eine Kanone weniger ist eine Kanone weniger. So ist das. So und nicht
anners." - "Und zwei weniger als eine mehr", das war jetzt wieder Jon,
"und jetzt paß mal auf: Wir müssen jetzt wieder eine Runde drehen
und kucken, was draußen los ist. Du bleibst entweder hier sitzen
und denkst mal still fünf Minuten nach, oder...." Und das war jetzt
wieder Harald: "Wenn du ein wirklicher, echter Held sein willst, dann marschierst
Du jetzt los, und zwar ohne deinen Kanister, und kaufst Bier. Da vorne
raus, dann rechts hoch an der Kurve ist eine Tankstelle, die haben die
ganze Nacht offen. Wir dürfen hier nämlich nicht weg. Und eigentlich
auch gar keines trinken." Und Jon: "Jetzt übertreib nicht gleich wieder.
Kauf, soviel du tragen kannst. Wir sind gleich wieder da, und dann machen
wir auch irgendwann zu essen. Spaghetti. Alle Vongole." "Sieben Mark fünfzig.
Wir sind schließlich kein Wohltätigkeitsverein. Für den
Rest kauf Bier." Harald griff nach der Lampe und die beiden zogen los.
Auch ich ging los. Ich kam wieder. Als ich wiederkam, mit
Bier statt Benzin, saß da Franz, reuevoll stammelnd. Die nächste
Runde Bier holte Franz. Noch später Reinhold, ein wirklich sehr schwieriger
Fall. Eine vage Erinnerung, daß da noch später noch andere waren,
deren Namen ich jedoch vergessen habe. Die Nacht wurde lang. Ich muß
wohl eine ganze Menge getrunken haben. Wie ich heimkam, weiß ich
nicht mehr genau. Am Himmel stand schon erste frühe Helle.
Als das Telefon klingelte, hatte ich Mühe, zu mir zu
kommen. Mein Mund war trocken, ich hatte einen mächtigen Brand. Schließlich
langte ich doch nach dem Hörer und krächzte ein zerbröckelndes
"Ja hallo". Eine ganz unpassend lebendige Stimme antwortete: "Mein Gott,
wie hörst Du Dich denn an! Freizeit scheint Dir nicht zu bekommen,
was?" An dem herzlichen Ton identifizerte ich Ada. Ihre Telefonstimme kannte
ich noch nicht. Ihr erster Anruf! Ich freute mich, weiß es Gott,
und wie ich mich freute, und doch blieb die Gestalt nebelhaft hinter meinen
dicken Lidern. Was wollte sie? "Vielleicht muntert Dich ja das hier auf:
Ich hab gerade im Radio gehört, daß heute nacht das Theater
des Westens abgebrannt ist. Muß gebrannt haben wie eine Pulverbude.
Scheint nicht viel übrig zu sein davon." Ich kann nicht sagen, daß
ich nun wirklich munter war, aber immerhin rief diese Nachricht ein, wenn
auch sehr unbestimmtes Bild von etwas nur allzu Bekanntem bei mir hervor.
"Na prima. Und wann soll das gewesen sein?" - "Ich hab nicht so genau hingehört,
ich glaub gegen Morgen. Freust Du Dich wenigstens?" "fragte Ada, der ich
erzählt hatte, wie grauenhaft ich dieses Zuckerbäckermonstrum
seit jeher fand. Jon hatte schon Recht, es gab ja wirklich Schlimmeres
als den Reichstag. "Na sicher", gab ich ohne Zögern zu Protokoll,
"jeden Tag eine gute Tat." Das war eine meiner Redensarten. "Und jetzt?"
Bei diesem letzten Satz kippte meine Stimme abermals in den Abgrund. "Jetzt",
sagte Ada, "denken wir gemeinsam über neue Taten nach. Aber erst mal
wirst Du jetzt wach und machst Dir einen Kaffee, dann suchst Du Deine Stimme,
dann machst Du Dich stadtfein und dann rufst Du mich wieder an. Einfach
so. Ohne Grund. Ohne Netz und doppelten Boden. Und vor allem ohne Widerrede."
© Chris Weise, 1998